Rumaenienburgen


Burgen, Schlösser, Wehrkirchen und Ruinen
- Reisetagebuch meiner vierten Rumänienreise, August 2006 -


"Das Selektieren der Schlaglöcher ist in der Regel Zeitverschwendung, es sei denn, man legt Wert darauf, sich die Schlaglöcher auszusuchen" (www.Karpatenwilli.com)
 

2. Tag, 08.08.2006
 

Die Nacht war kurz, aber das ist bei mir im Urlaub selten anders. Auf Reisen will ich in erster Linie etwas sehen und erleben - richtig ausspannen kann ich mich auch hinterher - dies auch als Vorwarnung für alle, die es je in Erwägung ziehen, mit mir zu verreisen ;-)

Auf den Vertreter der Mietwagengesellschaft schien ich, seinem Blick nach zu urteilen, nicht wirklich einen hundertprozentig Vertrauen erweckenden Eindruck zu machen. Dies änderte sich auch nicht unbedingt dadurch, dass ich bereits beim Anfahren den Wagen zweifach abmurkste *g* (zu meiner Verteidigung sei gesagt, dass es sich um einen neuen Diesel handelte, ich zuhause jedoch einen uralten Benziner habe, der sich in Punkto Gas und Kupplung deutlich anders verhält). Unglücklicher Weise hatte der Wagen einen CD-Player; wir jedoch nur Kassetten im Gepäck. Und wer je in Rumänien Radio gehört hat wird vielleicht verstehen, dass wir letztendlich lieber auf Musik verzichteten...

Den ersten Härtetest hatte der Wagen bereits zu bestehen, als wir von Cluj (Klausenburg) vorbei am Kloster in Rimetea zur Ruine der Cetatea Trascaului in Coltesti fuhren. Wobei erwähnt sein sollte, dass Karpatenwillis Aussage bezüglich Zustand und Schlaglöcher (siehe oben) auf etwa 2/3 aller Straßen unserer diesjährigen Tour zutraf.


Manastirea Sf. Ioan Botezatoru bei Rimetea
 

Zu allem Übel setzte auch noch Regen ein, welcher uns zumindest zeitweise in den nächsten Tagen mehr oder weniger stark begleiten sollte. Doch das sollte uns nicht schrecken. In Coltesti (Sankt Georgen) bogen wir rechts ab, stellten den Wagen an den Straßenrand und folgten der Ausschilderung zur Ruine der Burg aus dem 13. Jahrhundert. Schon aus der Ferne boten die Mauern ein tolles Fotomotiv. Der Aufstieg wurde durch den mittlerweile aufgeweichten Boden nicht gerade erleichtert. Schlamm sammelte sich immer wieder zentimeterdick an den Schuhsohlen und machte jeden Schritt dadurch umso mühseliger. Nichts desto trotz kamen wir schließlich auf dem Burgfelsen an, von welchem man einen beeindruckenden Blick auf die umliegenden grünen Hügel hatte, welche allesamt malerisch in Nebel und Wolken eingehüllt waren.


Coltesti (Sankt Georgen): Cetatea Trascaului
 

Nach dem Abstieg klopften wir uns notdürftig den Schlamm von den Schuhen und wussten bereits jetzt, dass das Auto vor der Rückgabe einer gründlichen Wäsche unterzogen werden musste. Wir fuhren vorbei an der Kirchenburg in Aiud und über erneut löchrige Straßen nach Benic (Bendesdorf), zu der Ruine der einst ungarisch-reformierten Kirche. Ringsum mit Pflaumenbäumen umwachsen befindet sie sich auf einem Privatgrundstück. Der Besitzer erlaubte uns auf unsere Nachfrage jedoch gerne das Betreten und Besichtigen der Kirchenruine. Neben dem Turm und einigen davor liegenden Grab- sowie Schmucksteinen stehen im hinteren Bereich noch verwilderte Mauerreste samt deren Fensteröffnungen. Kaum hatten wir das Areal betreten, lichtete sich auch der Himmel und die Sonne kam zum Vorschein.


Benic (Bendesdorf)
 

Auf dem Rückweg zur Hauptstraße war ein Fotostopp am Schloss von Galda de Jos eingeplant. Dies entpuppte sich nach der Auffahrt jedoch als Neuro-Psychiatrie mit meterhohen Mauern, die kaum einen Blick auf das einstige Schloss gewährten. Ein dunkler, abweisender Bau, dem ich nicht wirklich gute Heilungs-Eigenschaften zuschreiben würde. Man bekam unweigerlich den Eindruck, als würden Patienten darin eher weggesperrt, als behandelt.

Das nächste Abenteuer erwartete uns in Tauti (Ratzenhaus), ein Ort westlich von Alba Iulia (Karlsburg), in welchem auf meiner Karte eine Burgruine eingezeichnet war. Trotz intensiver Recherche gelang es mir im Vorfeld nicht, Bildmaterial oder nähere Informationen über die Ruine ausfindig zu machen. Lediglich die Erbauung im 13. Jahrhundert war mir bekannt sowie, dass kaum noch Mauerreste vorhanden seien. Im Ort fragten wir nach der Lage der Ruine und nach spürbarem Unverständnis zeigte man mir den Burgberg - ein entfernter hoher Hügel mit einem Kreuz auf einem Felsen, in dessen Nähe offensichtlich keine Straße führte. Doch meine Neugierde war natürlich mal wieder stärker... Wir parkten das Auto im Ort und machten uns auf einen langen Weg gefasst. Schon nach wenigen Metern entpuppte sich dieser als stinkender und schlammiger Viehtriebweg, in dem man mit jedem Schritt fast knöcheltief versank (müßig zu erwähnen, dass abends ein komplettes Einschäumen und Schrubben der Schuhe nötig war...). Wenigstens hatte ich noch Ersatzschuhe im Auto.


Tauti (Ratzenhaus)
 

Birgit gab aufgrund ihrer offenen Schuhe bereits am Anfang des Weges auf und kehrte zurück zum Auto. Ich hingegen wollte mich so schnell nicht geschlagen geben - klüger wäre es jedoch gewesen...  Ich stapfte dem Weg folgend langsam immer höher, ohne den Eindruck zu gewinnen, dass der Burgberg merklich näher kam. Auf halber Strecke hielt ich inne und schoss ein Foto von Weg und Berg, um mich anschließend weiter hinauf zu kämpfen. Wenigstens wurde der Anstieg ab diesem Punkt (zeitweise) flacher und der Weg nicht mehr ganz so matschig, bis er schließlich auf einer Wiese unterhalb des Burgberges endete. Ebenso endeten an dieser Stelle jedoch auch jegliche Wege... So streifte ich querfeldein weiter durch die hüfthohe nasse Wiese, bis ich am Fuße des steilen, bewaldeten Hügels stand. Dies war der zweite Moment, bei dem ich ans Aufgeben dachte - entschied mich jedoch wider jeder Vernunft erneut dagegen. Keuchend kletterte ich den Geröllhang hinauf, an dem immer wieder der Boden unter meinen Füßen wegrutschte. Die Büsche wurden immer dichter, der Hang immer steiler. Schließlich war ich am Ende meiner Kräfte angelangt und der Berg hatte gesiegt. Enttäuscht, wütend und erschöpft trat ich den Rückweg an. Wenigstens wurde ich auf dem Wiesenplateau noch mit einem schönen Blick belohnt.


 

Beim Abstieg kamen mir Viehtreiber entgegen, welche ich nochmals fragte, wie man zur Ruine gelangt. Einer der Männer eröffnete mir (sofern ich seine Zeichensprache richtig deutete), dass man rechts am Burgberg entlang und dann über einen Pfad auf der anderen Seite des Hügels zur Ruine hinaufsteigen müsste. Da jedoch bereits jetzt fast zwei Stunden für meinen Aufstiegsversuch vergangen waren, ging ich zurück zum Auto und werde mir diese Burg für meine nächste Tour (bei hoffentlich trockenerem Weg) wieder auf meine Liste setzen.


 

Während ihrer Wartezeit, welche sich Birgit mit Lesen verkürzte, bekam sie von einem ansässigen Bauern Kaffee angeboten. Und spätestens als sie von meiner Geschichte hörte, war sie froh, am Auto geblieben zu sein.

Unser nächstes Ziel war die Schlossruine Martinuzzi in Vintu de Jos (Unterwinz), südwestlich von Alba. Die schöne Ruine war recht schnell gefunden (von Alba kommend die erste Asphaltstraße - Richtung Vurpar, nicht ausgeschildert - rechts, Ruine nach 400 Metern auf der linken Seite). Das Schloss war umzäunt, das Gelände als Pferdekoppel genutzt. Einmal mehr wunderte ich mich mit Unverständnis darüber, dass in Prospekten und Reiseführern wiederholt mit Bauwerken für Rumänien geworben wird, welche offiziell gar nicht besichtigt oder betreten werden dürfen. Dennoch ein schönes Motiv.


Vintu de Jos (Unterwinz): Castelul Martinuzzi
 

Nach dem Schloss wollten wir noch der Kirchenruine in Vintu de Jos einen Besuch abstatten, welche ich bereits vor drei Jahren besichtigt hatte. Zu unserem Bedauern mussten wir jedoch feststellen, dass dieses Gelände mittlerweile ebenfalls verschlossen ist.


Vintu de Jos (Unterwinz)
 

Trotz dass es schon wieder zu regnen begann, entschloss ich mich dazu, noch nach Sibisel (Schebeschel) zu fahren, östlich von Orastie (Broos). Dass ich auch das besser hätte sein lassen, konnte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht erahnen...
Im Internet und auf meiner Karte entdeckte ich bei meiner Reiseplanung, dass sich auf einem Berg bei Sibisel eine Festungsruine befindet. Selbst Fotos waren im Internet abgebildet. Zwar stand von den Mauern nicht mehr all zu viel und das Gelände war stark verwildert - aber wenn man von einer abgelegenen Ruine in Rumänien Fotos findet, dann sollte es auch wenigstens einen Weg dorthin geben. Zumindest ging ich davon aus...

Ich hatte mir sogar extra Fernaufnahmen des Burgberges ausgedruckt, um diesen nicht zu verfehlen. Das Problem war jedoch, dass sich die einzelnen Hügel im Orastie-Gebirge stark ähneln. Lediglich anhand von Häusern, welche auf dem Foto vor dem Burgberg abgebildet waren, wurde ich fündig. Ein Weg auf den steilen, bewaldeten Hügel eröffnete sich mir jedoch nicht. Im Ort fragte ich eine Frau, welche (wohlgemerkt bei starkem Regen) Kräuter am Waldrand sammelte. Sie holte ihre Tochter und diese erklärte mir schließlich den "maybe possible" Weg zur "Cetatea". Schon diese Formulierung hätte mich stutzig werden lassen sollen (Birgit blieb vorsorglich gleich im Auto)... Stattdessen folgte ich dem ausgewaschenen Fahrweg am Fluss entlang, von welchem nach kurzem Stück links ein Pfad mit Wanderwegzeichen auf den Burgberg führte. Für mich ein sicheres Zeichen, richtig zu sein. Nun, möglicherweise WAR dies auch mal der der Weg zur Festungsruine - er ist es jedoch inzwischen definitiv nicht mehr! Der Pfad wurde deutlich steiler und ging nahtlos in einen vom Berg kommenden Wasserlauf über. Ich kämpfte mich weiter nach oben, rutschte dabei mehrfach aus, schlug mir meine Knie auf und landete im Schlamm. Da ich von Tauti offensichtlich nichts gelernt hatte, kletterte ich noch ein Stück weiter, um mich schließlich vollends in Dornenbüschen zu verfangen. Seufzend ließ ich meinen Kopf sinken, mit dem Wissen, erneut an einer Burg gescheitert zu sein (was mir bisher noch nie passiert ist - und nun gleich zweimal an einem Tag).

Ich wollte mich gerade umdrehen und den Abstieg antreten, als es vor mir auf einer mit Büschen bewachsenen Lichtung laut knackte. Ich dreht mich um - und sah zum ersten Mal einen Bären in freier Wildbahn! Bzw. sah ich gerade noch, wie am anderen Ende der Lichtung ein großer, dicker, brauner "Fellklumpen" im Wald verschwand. Und von der Größe her konnte es eindeutig nur ein Bär gewesen sein. Wow! Ein seltsames Gefühl; im ersten Moment irgendwie überwältigend - im zweiten Moment hingegen eher bedrückend und mulmig. Immerhin stand ich bei Regen und bei beginnender Dämmerung alleine mitten im Wald an einem Abhang... Dies bewegte mich wohl auch dazu, den Rückweg schneller als üblich zurücklegen zu wollen - was schließlich dazu führte, dass ich ausrutschte, mehrere Meter über Stein und durch Dornen schlitterte, meine Hände aufschürfte und meine Hose zerriss. Ein tolles Resultat für eine Ruine, die ich noch nicht mal erreicht habe *grummel* Fraglich, ob das den kurzen Blick auf einen Bären wert war...


 

Komplett durchnässt und vermatscht, aber doch erleichtert, kam ich irgendwann wieder am Auto an. Und Birgit war einmal mehr froh, dass sie ihrem Instinkt und nicht mir gefolgt ist...
Ich zog mir schnell etwas Trockenes an und wir fuhren schließlich zu unserem Hotel in Deva (Diemrich), wo ich nach einer Dusche nur noch völlig erschöpft ins Bett fiel.


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