Vampirgruft


Mo., 21.12.09

In der Dusche sinnierte ich darüber, wie viele Arten von Fußpilz ich mir in diesem Bad voraussichtlich einfangen würde. Über den möglichen Zustand der Küche wollte ich mir dann nicht auch noch Gedanken machen, verzichtete stattdessen auf das Frühstück und kaufte mir unterwegs ein Sandwich.

Mit den "Forges de Clabeqc" wollten wir heute als erstes ein ab dem letzten Drittel der 90er Jahre geschlossenes Hütten- und Stahlwerk erkunden. Die Kokshochöfen aus den Jahren 1909 und 1911 zählen zu den ältesten Westeuropas.
Ich parkte im Ort auf der anderen Seite des Flusses, um mit dem Wagen nicht direkt auffällig vor dem Werk zu stehen. Wieder in mehrere Kleidungsschichten gehüllt, liefen wir am Kanal entlang, bis wir nach einer Weile auf ein größeres Loch im Zaun stießen. Niemand war zu sehen und zu hören. Wir schlüpften hindurch und ich wollte gerade zum ersten Foto ansetzen, als ein Wagen mit der Aufschrift "Russian Security" um die Ecke bog. Na "perfekt"...

Abzuhauen hätte weder Sinn gemacht, noch irgendwas verbessert, so dass ich einfach stehenblieb und die Wachleute freundlich begrüßte. Wenig erfreut (was ich ihm nicht verübeln kann) zückte einer der Männer sein Handy, um die Polizei zu rufen. Der Versuch mit ihm zu sprechen blieb erfolglos, da er weder deutsch, noch englisch sprach. Bei seinem Kollegen hatte ich schließlich mehr Glück. Er sprach nicht nur gut englisch, sondern war vor allem auch bereit, sich auf eine Unterhaltung einzulassen. So hatte ich die Möglichkeit, mich einerseits für unser Betreten zu entschuldigen und ihm insbesondere unsere Beweggründe erklären zu können. Zwar immer noch kopfschüttelnd, was wir an den rostigen Fabrikruinen interessant fänden, schien er jedoch zumindest beruhigt darüber, dass wir diese lediglich fotografieren wollten. Auch seinen Kollegen, der zuvor noch die Polizei rufen wollte, konnte er offensichtlich davon überzeugen, dass wir harmlos seien. Schließlich erlaubte man uns mit einem Lächeln sogar einen einstündigen Aufenthalt auf dem Gelände für Außenaufnahmen. Das war immerhin besser als nichts, zumal die Situation auch ganz anders hätte ausgehen können! Ein wohl typisches Beispiel für "Glück im Unglück".



Forges de Clabeqc

Alleine für Außenaufnahmen des großflächigen Areals hätte ich doppelt so lange gebrauchen können, und so ließ ich mir aufgrund des knappen Zeitfensters viel zu wenig Zeit für Einstellungen und Details. Zwischenzeitlich fuhr die Security auf dem Gelände ihre Runden, winkte uns dabei aber lächelnd zu und "entließ" uns schließlich durch das Haupttor "in die Freiheit".

Auch dem nächsten Ziel widmeten wir nur einen kurzen Aufenthalt. Chateau Neufcour war eingerüstet und wurde gerade restauriert, so dass ich es lediglich mit einer Fernaufnahme würdigte. "Graue Kulisse vor grauem Hintergrund" war nun auch wirklich nicht so interessant und schien mir nicht lohnenswert genug, um dafür durch den Schnee über freies Feld zu laufen. Zumal auf dem Nachbargrundstück des Anwesens mit verschlossenem Haupttor Leute waren und wir es eh nicht unbemerkt hätten betreten können. Überhaupt meinte es das Wetter in den drei Tagen nicht wirklich gut mit uns. Der ständig nur graue Himmel ohne sichtbare Wolkenstrukturen war doch etwas frustrierend. Andererseits hatte ich auch keine Lust, die Fotos nachträglich bis zum Exzess zu bearbeiten und zu verfälschen, nur damit sie tolles Licht und einen imposanten Himmel aufweisen.


Chateau Neufcour

Der Tag war noch jung und durch die beiden bisherigen Misserfolge hatten wir noch weitaus mehr Zeit zur Verfügung, als ursprünglich gedacht. Aus diesem Grund machten wir einen kleinen Umweg und legten einen Stopp bei der Burg von Beersel ein. Auch sie war in den Wintermonaten nur an wenigen Tagen zugänglich, und wie bereits von mir vermutet heute verschlossen. So begnügten wir uns erneut mit wenigen Außenaufnahmen. Der Wassergraben der malerischen Burg, deren Geschichte bis ins 13. Jahrhundert zurück reicht, war zugefroren und die umliegenden Bäume standen in tiefem Schnee. Miri war indes wenig begeistert von den "vorteilhaften" Fotos, die ich von ihr aus kurzer Distanz per Weitwinkel-Objektiv anfertigte ;-)


Kasteel Beersel

Unweit der Burg prangte vor einem Haus auf einem Makler-Schild ein Aufkleber mit der Aufschrift "verkocht" (= verkauft). Auch auf der weiteren Tour trafen wir noch auf einige flämische Wörter, die für uns recht amüsant wirkten. Allerdings kann ich mich an die meisten nicht mehr erinnern.

Als irritierend erwies sich unterwegs eine Autobahnauffahrt, die ungewohnt von links auf die Autobahn führte. Im ersten Moment hatte ich das Gefühl, als Geisterfahrer in der falschen Fahrtrichtung zu sein. Witzig war hingegen ein Ort mit dem Namen "Drogenbos"; fehlte lediglich ein weiteres "s". ;-)

Auf der Weiterfahrt kamen wir in Aalst an einem weiteren Schlösschen vorbei, welches auf den ersten Blick verlassen wirkte. Doch die geschlossenen, dunkelgrünen Fensterläden des Kasteels van Muylem aus dem Jahr 1897 täuschten offensichtlich, da Post im Briefkasten und ein Schneemann im Garten eher für eine kurzzeitige Abwesenheit der Besitzer sprachen.

Nun stand mit dem Kasteel van Mesen ein weiteres verlassenes und stark ruinöses Schloss auf dem Programm. Seltsamerweise hatte ich diesbezüglich bereits bei der Reiseplanung ein ungutes Gefühl. Nein, keine negative Empfindung der Atmosphäre oder dem Bauwerk selbst gegenüber, sondern schlichtweg eine ungewöhnlich deutliche Vorahnung, dort nicht hinein zu kommen. Ungeachtet dieser Intuition wollte ich es dennoch versuchen und das Schloss schlechtestenfalls wenigstens von außen sehen.

Erbaut wurde das prächtige Anwesen 1628. In den folgenden Jahrhunderten diente es u.a. als Destillerie, Zuckerfabrik, Kloster, Kochschule und Internat. Die neugotische Kapelle und die Schulgebäude wurden 1905 errichtet. 1972 wurde das Internat geschlossen, woraufhin man die verlassenen Gebäude dem fortschreitenden Verfall preisgab. Inzwischen weist das Schloss einen derart maroden Zustand auf, dass der (wenngleich mehr als traurige, aber drohende) Abriss nur noch eine Frage der Zeit zu sein scheint.


Kasteel van Mesen

Wir umkreisten die hohen Mauern, die das Schloss umgaben und die nur flüchtige Blicke auf das imposante Bauwerk ermöglichten. An den Stellen, an denen lediglich ein Zaun das Grundstück vor ungeliebten Besuchern schützte, waren einerseits Leute auf der Straße sowie Wohnhäuser auf der gegenüberliegenden Straßenseite und zu allem Überfluss Bauarbeiter unmittelbar vor dem Schloss (wie ich später erfuhr, wurden hier wohl archäologische Ausgrabungen vorgenommen). Dem entsprechend gab es rückseitig keinerlei Möglichkeit, sich ungesehen dem Anwesen zu nähern.

Auf der anderen Seite ist dem Schloss ein Park vorgelagert, der normalerweise frei zugänglich ist. Doch ausgerechnet heute war dessen Tor verschlossen. Das daran befestigte Schild konnten wir nur bruchstückhaft übersetzen und so erkundigte ich mich schließlich in englisch, ob es möglich sei, den Park zu betreten, bzw. wann er geöffnet sei. Und wieder war die Antwort äußerst frustrierend: Keine Chance, keine Ausnahme! Im Winter sei der Park ausschließlich an Wochenenden und mittwochs nachmittags zugänglich. Meine Vorahnung hatte sich somit ärgerlicherweise vollstens erfüllt :-(

Um nicht restlos umsonst hier zu sein, schraubte ich meine Kamera aufs Stativ, schaltete den Selbstauslöser ein und hielt sie über die Mauer, um so wenigstens noch ein paar Außenaufnahmen erhaschen zu können. Unbefriedigend, aber mehr war hier heute leider nicht machbar. Da konnte auch das Motiv des an den Zaun gehängten Fahrrades keine bessere Stimmung hervorrufen.


Clabeqc und Mesen waren eigentlich als Haupt-Besichtigungsobjekte angedacht, stattdessen hatten wir nun noch Restzeit übrig. Was also damit anfangen? Manche mir noch bekannte Objekte waren zu weit entfernt. Und dazu, gestrige Misserfolge heute nochmals auf gut Glück anzufahren, um ggf. erneut zu scheitern, hatte ich keine Lust. Kurz vor unserer Abfahrt nach Belgien hatte ich allerdings von einem Festungsgürtel rund um Antwerpen gelesen, deren rund 30 Forts allesamt ab Mitte des 19. Jahrhunderts erbaut wurden. Manche davon existieren noch, größtenteils verlassen und ungenutzt. Allerdings hatte ich nicht mehr die Zeit für weitergehende Recherchen, so dass ich lediglich wusste, dass Fort Walem als "lost place" gilt, weshalb wir dieses anfahren wollten.

Unterwegs kamen wir an der Ausschilderung zu einem weiteren Fort aus diesem Festungsgürtel vorbei und legten auch dort einen Stopp ein: Breendonk. Das makaber anmutende Zeichen am Eingang einer Hand, durch die Stacheldraht verlief, hätte mich im Nachhinein betrachtet bereits stutzig werden lassen sollen. Nichtsahnend entrichteten wir den Eintrittspreis und erst im Inneren wurde uns bewusst, welch grausiger Schatten der Vergangenheit auf diesem Gemäuer lag...

1940 errichtete die Gestapo in der bereits bestehenden Festung ein Auffanglager. Das Lager wurde zum Zentrum der Aktivitäten des Sicherheitsdienstes in Belgien in der Zeit des Nationalsozialismus im Zweiten Weltkrieg. Bis zur Auflösung wurden dort mindestens 3.532 Menschen inhaftiert, nur 458 davon überlebten die Torturen. 1947 beschloss das belgische Parlament einstimmig, in Breendonk eine Nationale Gedenkstätte einzurichten.


Fort Breendonk

Die Stimmung war erdrückend! Das Wissen um die Geschichte, verbunden mit den bedrückenden Räumen, taten ihr Übriges. An manchem lief ich vorbei, weil mich die Flut an bildlichen Darstellungen und in mir sich überschlagende Empfindungen überforderten, an anderen Schauplätzen verweilte ich länger und konnte mich kaum von ihnen lösen. Es war sicherlich nicht das, was ich für diese Reise vorgesehen und mir unter diesem Fort vorgestellt hatte, aber dennoch bereue ich den Besuch nicht. Auch wenn ich die Festung sehr nachdenklich und mit einer Vielzahl wirrer Gedanken und Emotionen wieder verließ.

In W. angekommen, versperrte uns ein verschlossenes Gitter-Tor den Zugang. Sicherlich wäre es möglich gewesen, dieses zu überwinden, aber in Anbetracht der noch immer in mir aufgewühlten Gefühle, von denen ich mich nur schwer lösen konnte, verspürte ich keinen Drang dazu. Wie ich später im Internet las, wurden im Fort W. im Ersten Weltkrieg bei einem Mauereinsturz 75 Soldaten unter Schutt begraben, deren Leichnahme nie geborgen worden sein sollen...


Fort W.

Ein drittes Fort, jenes bei Lier, entpuppte sich als ebenfalls unzugänglich, da es heute als Schießplatz für den örtlichen Schützenverein genutzt wird. Dazu verkneife ich mir jetzt lieber einen Kommentar...

Vorbei an einem Kran mit Weihnachtsbeleuchtung fuhren Miri und ich zurück nach Brüssel. Ich hatte mittlerweile Hunger, mein Vorrat an Brot und Essen war inzwischen jedoch nahezu aufgebraucht. Da wir am Vorabend in Brüssel an unzähligen "Pizza Hut" vorbei gekommen waren und ich die "Cheesy Crust" liebe (eine Wochenration Kalorien lässt grüßen...), wollten wir einen aufsuchen und dort essen gehen. Passend zum Rest des minder erfolgreichen Tages kamen wir natürlich überall vorbei - nur an keinem Pizza Hut. Nach einer Irrfahrt durch Brüssel, bei der uns eine Straßenbahn ungebremst entgegen fuhr und letztendlich auch noch mein Navi aussetzte, hatte ich schließlich die Nase voll und fuhr zurück zum Hotel - um dort genau um die Ecke einen Pizza Hut zu entdecken. Typisch!

Gut (zu gut) gestärkt schlenderten wir am späten Abend zurück zu unserem Hotel, das in direkter Nachbarschaft von Hilton, Crown Plaza und Sharaton noch schäbiger wirkte, als es eh schon war; sofern das überhaupt geht. Ziemlich genau um 0.00 Uhr fielen wir schließlich ins Bett.

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