Vampirgruft


So., 20.12.09

5.00 Uhr morgens... Ich quälte mich aus dem Bett und dachte bei mir "Das ist doch kein Urlaub!"
Ich hatte es ja nicht anders gewollt, aber "meine Zeit" war das definitiv nicht! Mit tiefen Augenringen und gedanklich noch im Land der Träume kratzte ich bei eisigen Temperaturen die Autoscheiben frei und war froh, als die Heizung nach kurzer Fahrt endlich eine gewisse Wärme verspüren ließ. Gegen 7.30 Uhr verließ ich die Autobahn, um Miri abzuholen. Von einem Räum- und Streudienst hatte man in den Saarländischen Dörfern allerdings offensichtlicht noch nichts gehört, denn eine dicke Schneeschicht bedeckte die Straßen.

Bei Schneeschauer durchquerten wir im Schneckentempo Luxemburg und schließlich die belgische Grenze. Hier sah es jedoch selbst auf der Autobahn nicht anders aus, als zuvor im Saarland - Schnee so weit das Auge reichte. Auch die Heizung im Auto kam bei -16°C inzwischen merklich an ihre Grenze, doch zumindest kleidungstechnisch hatte ich hierfür vorgesorgt.

Nur wenig später hatten Miri und ich das erste Ziel erreicht. Eingemummt in je zwei Pullis und zwei Jacken übereinander, Mütze, Handschuhe, Schal und mit Wärmesohlen in den Trekkingstiefeln stapften wir über einen Feldweg durch den Schnee zu einem unweit der Straße gelegenen Waldstück. Wer es nicht weiß, würde von außen nie erahnen, was sich hinter den dunklen Nadelbäumen verbirgt...

Nahe des kleinen Dorfes unterhalb des Waldes befand sich ehemals eine amerikanische Militärbasis. Die Soldaten sind längst abgezogen, ihre hier entsorgten Autos der 60er und 70er Jahre zeugen jedoch noch immer von ihnen. Einem Autoliebhaber und Sammler muss es bei diesem Anblick das Herz zerreißen; meines jedoch ließen die alten, schneebedeckten Karosserien aufgrund der außergewöhnlichen Fotomotive höher schlagen.


Wir waren gerade fertig und wollten diesen seltsamen Ort wieder verlassen, als zwei Männer auf mich zukamen. In Englisch erklärten sie mir, dass wir besser vorsichtig sein sollten, da der Eigentümer nicht gut auf Besucher zu sprechen sei. Wie sich in dem Gespräch herausstellte, gehörten sie zu einem Filmteam, das hier heute drehen wolle. Auf dem Weg zum Auto kam uns dann auch die restliche Crew samt Ausrüstung entgegen. Einer von ihnen rief mit einem Lächeln fragend zu uns herüber "Urban Exploring?", was ich mit einem Nicken ebenfalls lächelnd bejahte ;-)

Nach einer Stunde durchfuhren wir die belgischen Ardennen. Der stellenweise unberührte Schnee auf den Straßen machte deutlich, dass hier schon einige Zeit  niemand mehr gefahren war, was allerdings auch mein Vorankommen erschwerte. Das nächste "Objekt unserer Begierde" hatte ich bereits vor zweieinhalb Jahren besucht, doch damals war es mir aufgrund eines zu wachsamen Försters nicht möglich, das Anwesen zu betreten. So hoffte ich, diesmal mehr Glück zu haben.

Chateau de Noisy, welches zwischen 1865 und 1907 erbaut wurde und ehemals den Namen "Miranda" trug, könnte optisch einem alten Schwarzweiß-Horrorfilm entsprungen sein. Nach Sommerresidenz und Ferienwohnheim war es bis etwa 1990 für Touristen zugänglich, bevor es wegen zu hoher Kosten geschlossen wurde. Diebstahl, Verwitterung, ein durch Obdachlose verursachter Brand und nicht zuletzt Vandalismus wurden dem Schloss schließlich zum Verhängnis.


Chateau de Noisy

Ich parkte am Ortsrand und versuchte unsere verräterischen Spuren im Schnee möglichst zu verbergen. Erst lief ich ein Stück am Schlossberg vorbei und wechselte die Straßenseite, dann ging ich den gleichen Weg rückwärts zurück. An der Stelle, an der wir uns in den Wald schlugen, verwischte ich meine Fußabdrücke mit einem Ast. Bis zum Schloss kämpften wir uns schließlich querfeldein den rutschigen Hang hinauf, wovon Miri "überaus begeistert" war ;-) Der Fairness halber sei aber auch erwähnt, dass es mich ebenfalls einmal langgelegt hat. Um Gewicht zu sparen hatte ich mein schweres Kamerastativ vorsorglich im Auto gelassen; Miri hatte schließlich noch ihr kleines dabei und im Inneren könnten wir uns abwechseln.

Oben angekommen streiften Fasane um die verlassenen Mauern und Chateau de Noisy hatte seit meinem ersten Besuch nichts von seinem optischen Reiz verloren. Prachtvoll und majestätisch sowie dunkel und geheimnisvoll zugleich. Vorsichtig näherten wir uns den zerbrochenen Fenstern, immer lauschend, ob nicht möglicherweise doch der unweit wohnende Förster in der Nähe sei. Aber niemand war zu hören oder zu sehen und so traten wir ein.

Meine erste Empfindung war eine Mischung aus Wut, Entsetzen und Hilflosigkeit. Ich wusste von alten Fotos, wie das Schloss einst eingerichtet war. Ich wusste von Fotos aus dem Internet, wie die Innenräume noch vor einigen Jahren aussahen. Ich wusste, dass inzwischen vieles kaputt, entwendet und zerfallen war. Aber mit solch einem Ausmaß hatte ich, erst Recht in Anbetracht des noch stattlichen äußeren Erscheinungsbild des Schlosses, nicht gerechnet. Es war in einziges Trauerspiel. Nicht primär in Hinblick auf den heutigen Zustand, sondern diesbezüglich insbesondere wegen den mutwilligen Zerstörungen in den letzten Jahren. Jüngstes Beispiel ist der verzierte Handlauf des einst massiven Treppengeländers, der vor genau einem Jahr zumindest in Teilen noch erhalten und vor Ort war.

Ich versuchte meinen Ärger beiseite zu wischen und war schließlich auch froh, es zumindest ins Innere des Schlosses geschafft zu haben. Ärgerlicherweise ging Miri ausgerechnet hier das Stativ kaputt, noch bevor ich ein einziges Foto damit machen konnte. Nochmals den Berg runter und hoch, um meines aus dem Auto zu holen, kam nicht in Frage; das wäre zeitlich unklug gewesen und hätte zudem die Gefahr entdeckt zu werden erhöht. Ganz davon abgesehen hatte ich auch keine Lust auf doppelte Anstrengung. So blieb mir nur übrig, die ISO-Zahl meiner Kamera hochzuschrauben, um im Schloss ohne Stativ, aber auch ohne Blitz fotografieren zu können.



Während ich beim Abstieg vom Schlossberg deutlich weniger Probleme als beim Hinaufsteigen hatte, war für Miri beides gleichermaßen "erfolgreich". Ihr Abgang war filmreif ... mehr darf ich diesbezüglich nicht schreiben, sonst schlägt sie mich ;-)

Es folgte eine wenig erbauende zick-zack-Fahrt Richtung Brüssel. Zwar hatte ich noch diverse Locations und Ersatz-Objekte auf dem Plan, aber von "unzugänglich verschlossen" über "bewacht" bis hin zu "bereits abgerissen" war dahingehend alles vertreten. Zwischenzeitlich begleiteten uns dann auch noch "rumänische Straßenverhältnisse"; die Aufschrift "Urbexdream" auf einem Tor in einer Industriestadt war hingegen wieder erheiternd (und dort auch zutreffend). Wir hätten hier gut und gerne noch etwas erkunden können, hätten wir geahnt, dass auch die letzten beiden eingeplanten Objekte in die Kategorie "verschlossen / bewacht" fallen würden. Dann eben nächstes Mal.

Zum Abschluss des heutigen Tages machten wir einen Abstecher zum 1555 erbauten Kasteel M. Jahrelang ungenutzt, befindet es sich derzeit in Restauration. Es war zwar bereits dunkel, doch die Lichter aus dem Ort zauberten in der Langzeitbelichtung per Stativ einen orange- bis magentafarbenen Nachthimmel aufs Foto, während ich das Schloss selbst per Taschenlampe anleuchtete.


Kasteel M.


Irgendwann in der Nacht bezogen wir unser Zimmer im Hotel "New Galaxy" in Brüssel; wobei man sich fragt, was sich alles "Hotel" nennen darf. In das Zimmer passte gerade so das Bett, daneben waren noch stolze 30 cm Platz, um zum Fenster mit wunderschönem Blick auf eine Mauer mit Schornsteinen zu kommen. Und dann auch noch Zimmernummer 12 - meine persönliche Unglückszahl. Aber Hauptsache erst mal ein Bett, alles weitere zeigt sich am nächsten Tag. Außer die 1 cm hohe Staubschicht auf der Lampe - die zeigte sich schon heute...

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