Vampirgruft


Tag 2, 23. Mai 2010

6.22 Uhr - ungläubig schaute ich auf die Zeit, einschlafen konnte ich aber nicht mehr. Beim Blick aus dem Fenster stellte sich uns die Frage, wo plötzlich der links gelegene Bauernhof herkam? War der gestern auch schon hier? Na ja, muss wohl, wenngleich er in der Dunkelheit nicht zu sehen war. Ich öffnete die Autotür und der Morgen begann mit einem Tritt barfuß in Schafsköttel... Die Landschaft um uns herum wirkte wie ein Gemälde aus der Zeit der Romantik. Das diffuse Licht der Morgensonne schien durch die hellgrünen Blätter einer Allee und der milchige Nebel ließ alles in weichen, pastellfarbenen Tönen erscheinen.

Nach den ersten Fotos des Tages folgte per Wasserflaschen, Waschlappen und Feuchttüchern eine ausgiebige Wäsche hinter dem Auto. Nur gut, dass es sich hier um einen abgelegenen Feldweg ohne Verkehr handelte. ;-)


Unser erster Stopp, Kasteel Hof Ter Kruisen, lag nur unweit entfernt. Von einem Wassergraben umgeben und umzäunt, mit Wohnhäusern gegenüber und einem Bauernhof dahinter, waren von dem leeren Schloss lediglich Außenaufnahmen möglich, die durch das starke Gegenlicht beträchtlich erschwert wurden. Die Wiese zwischen Straße und Wassergraben wurde als Schafsweide genutzt. Ich hielt den Draht des Zaunes nach unten, damit Miri drübersteigen konnte - und bekam immens eine gewischt. Denn was ich zuvor nicht bemerkt hatte war, dass es sich hierbei um einen Elektrozaun handelte. Vor allem aber war die Stromstärke deutlich stärker, als ich es von Elektrozäunen in Deutschland gewohnt war. Mir wurde richtiggehend schwindelig, was mehrere Minuten anhielt, und mein Arm schmerzte noch eine halbe Stunde danach. Die armen Schafe, die mit diesem Draht in Berührung kommen!


Kasteel Hof Ter Kruisen

Ein Abstecher in die Niederlande führte uns zum "Spookhuis Sas van Gent", welches aufgrund diverser angeblicher paranormaler Vorkommnisse weit über die Grenzen Hollands hinaus große Bekanntheit erlangte. Selbst Radio- und TV-Sender berichteten schon über diese Villa. Das Haus wurde 1905 von dem Architekten Jozef August Jacobs errichtet. Jacobs war Leiter einer Glashütte, er wohnte in dem Anwesen zusammen mit seiner Frau, seiner Mutter und seinen 5 Kindern. Direkt an der belgisch-niederländischen Grenze gelegen, wurde das Areal mit seinem prachtvollen Gärten zu Beginn des ersten Weltkriegs von einem hohen, tödlichen Elektrozaun umbaut, der einem Soldat sein Leben kostete. 1927 verließ die Familie Jacobs den Ort und der neue Leiter der Glashütte, ein Mann namens Bel, bezog kurzzeitig die Villa. Letztmalig wurde das Gebäude von Pfadfindern genutzt, seit 1951 ist es verlassen. 2008 kaufte eine Frau das Haus, sie ließ es jedoch bislang weiter verfallen.
So viel zu den Fakten.

Über die weiteren Berichte zu diesem Haus kann man sicherlich geteilter Meinung sein. Uhren sollen stehen bleiben, wenn man es betritt. Meine Uhr lief noch. Autos, die daran vorbeifahren, sollen plötzlich Fehlfunktionen aufweisen. Mein Auto fuhr wunderbar; nicht mal meine Antenne klapperte. ;-) Gesichter sollen an den Fenstern erscheinen, Schritte seien zu hören, (nicht vorhandene) Türen würden zugeschlagen. Bei unserem Besuch war alles überaus still und friedlich, dennoch mag ich solche Erzählungen.
Geradezu lächerlich wird es allerdings, wenn selbsternannte "Ghosthunter" vor dem Haus Zigarettenrauch in die Luft blasen, diesen nachts per Blitz fotografieren und anschließend von "nebelhaften Gestalten" berichten. Gleiches gilt für angebliche "Orbs". Dies sollen, je nach Definition, (vermeintliche) "Energiekugeln" oder "verwaiste Seelen in der Zwischenwelt" sein, andere behaupten sogar, es seien "Taxis aus der Anderswelt", mit denen Geister, Seelen und Engel reisen. *kopfschüttel* In Wirklichkeit handelt es sich bei "Orbs" lediglich um Staubpartikel, Regentropfen u. Ä., die insbesondere beim Blitzen als unscharfe und meist milchige, runde Flecken auf den Fotos erscheinen. Diese logische und nachweisbare Tatsache wird (für mich absolut unverständlich) von den Verfechtern der "Orbs-Theorie" natürlich rigoros abgestritten.

Wie dem auch sei; ich habe meine Fotos vom optisch reichlich unspektakulären "Spookhuis Sas van Gent" jedenfalls nicht (wie manch andere) mit irgendwelchen Fotoeffekten düsterer erscheinen lassen, als sie waren, nur um eine wie auch immer geartete "mystische Stimmung" zu erzeugen.


Spookhuis Sas van Gent

Es folgte ein etwas längerer Fahrtabschnitt, während dem ich genüsslich die gestern in Luxemburg gekaufte Cherrycola trank. Richtig, ich bin nicht dick, sondern habe vom Trinken, wie Miri so schön anmerkte, lediglich ein "Kirschbäuchlein". ;-)
Wie schon am Vortag, lagen am Straßenrand alle paar Kilometer zerfetzte Reifengummis. Da fragt man sich, ob die Belgier alle derart schlechte und alte Autoreifen aufgezogen haben oder worin dies begründet liegt?! Eine dreiviertel Stunde später parkte ich am Waldrand in der Nähe des Kastells TB., von dem ich aufgrund eines umlaufenden Wassergrabens nicht sicher war, ob wir überhaupt hinein kommen würden. Allerdings war die Absperrung auf der Brücke recht lückenhaft, so dass wir mit wenig Mühe unten drunter durchkriechen konnten.

Von dem einstigen Glanz des Schlosses, welches zwischen 1855 und 1860 in Teilen neu erbaut wurde und das auf ein älteres Anwesen von 1680 zurück reicht, ist heute kaum noch etwas übrig. Selbst die Wappen, die vor wenigen Jahren noch an den Wänden zu sehen waren, wurden inzwischen zerstört. Noch in den 90er Jahren war im Chateau TB. ein Restaurant, bis 1998 ein Friseursalon. Um so trauriger ist der heutige Zustand. Die Erkundung oberer Stockwerke war aufgrund eingestürzter Decken zum Großteil schon nicht mehr möglich.





Im Internet ist das Schloss, welches wir im Anschluss aufsuchten, unter dem Namen "Chateau du Dragon" bekannt, ausgehend vom Namen des dort einstigen Chinarestaurants. Erbaut wurde Chateau L. jedoch bereits 1895 als Wochenendhaus des Edelmannes Antonius L., anschließend kam es in Besitz einer Familie, die ihr Vermögen mit einer Ziegelei erwirtschaftet hatte. Im Schloss wurde später ein prunkvolles chinesisches Restaurant eröffnet, nach dessen Schließung 2007 stand das Gebäude leer. Anfang diesen Jahres brannten große Teile des Schlosses aus.

Das Tor stand weit offen, ebenso wie die Türen des Restaurants. Aufgrund des Brandes und aufgeweicht durch das Löschwasser, gaben die Zwischendecken beim Laufen stellenweise stark nach, so dass ich die oberen Stockwerke sicherheitshalber nicht näher erkundete. Doch auch im Erdgeschoss des Schlosses, das trotz des Feuers noch einen überaus stabilen Eindruck machte, fanden sich noch eine Vielzahl interessanter Details. Gleich mehrfach gab es offensichtlich bewusst zurechtgestellte Dinge, die wohl ein anderer Fotograf zuvor so arrangiert hatte. Wir nutzten diese künstlich dekorierten Motive daraufhin ebenfalls.





Unterhalb des Chateaus stand die Villa der einstigen Betreiber des Restaurants. Man hatte an mehr als nur einer Stelle den Eindruck, dass es lediglich ein wenig Farbe und handwerkliches Geschick bräuchte, um die "Villa du Dragon" wieder in einen bewohnbaren Zustand zu versetzen.





Vorbei an einem ehemaligen Stadtbad, das leider verschlossen war, fuhren wir zum Chateau DB. Zwar ungenutzt, steht im Inneren aber noch eine große Sammlung von Möbeln, Gemälden und vielem mehr, wenngleich ein Teil dessen 2009 gestohlen wurde. Rückseitig und seitlich wurde das von Wasser umgebene Schloss größtenteils von Bäumen verdeckt. Nicht nur, dass der angrenzende Weg von mehreren Dutzend Spaziergängern und Radfahrern bevölkert wurde, es lief auch noch ein wild bellender Hund durch die Schlossgärten. Somit war von öffentlichen Wegen nicht mal eine gute Außenaufnahme möglich. Wir gingen auf die Vorderseite und klingelten am Tor des vorgelagerten Wohnhauses des Schlosseigentümers, während uns mehrere Anwohner beobachteten. Als ob die noch nie jemanden am Schlosstor hätten klingeln sehen... Leider tat sich gar nichts, der Besitzer war offensichtlich nicht zuhause, stattdessen kam der Hund wild bellend auf uns zugerannt. Wir redeten mit ihm und witzigerweise wurde er daraufhin ganz zahm. Er schob mir schließlich sogar seinen Tennisball immer wieder unter dem Tor hindurch, damit ich ihm diesen zuwerfen konnte. :-) Auf das Grundstück gingen wir dennoch nicht, zumal es ungesehen an diesem Tag und zu dieser Zeit definitiv auch gar nicht möglich gewesen wäre. Allerdings fragt man sich, wie andere manchmal in gewisse Gebäude reinkommen; entweder haben sie Glück, stehen schon um 5.00 Uhr morgens auf der Matte oder sind einfach risikobereiter als wir. Keine Ahnung.


Es ging weiter Richtung Nordwesten. Zum Chateau D. gibt es nur einen machbaren Zugang, wenn man nicht über eine hohe Mauer oder Zäune klettern will - eine Lücke zwischen zwei Wohnhäusern, die direkt in den Schlosswald führt. Just an dieser Stelle waren jedoch Leute des nebenstehenden Hauses am arbeiten, einer davon saß in einem kleinen Bagger. "Bauarbeiter. Miri, das ist deine Stunde! Streck' deine Brüste raus, bezirze sie und sorg' dafür, dass sie uns auf das Gelände lassen!" :-D Gesagt, getan (wenn auch nicht mit rausgestreckter Brust). ;-) Kurz darauf kam Miri lachend zum Auto zurück; in dem Bagger saß ein etwa zehnjähriger Junge. Aber auch sonst war es für die Leute völlig O.K., dass wir das Schloss fotografieren wollten.

Von außen ließ das Chateau aufgrund seines Zustandes und schlechter Graffiti-Schmierereien wenig Gutes erahnen, doch im Inneren entpuppte es sich stellenweise als wahres Kleinod. Kaputt, ja; aber dennoch mit einigen Einzelheiten und Teilstücken, die durchaus interessant waren. Seien es die Öfen, Kamine, stoffbezogene Türen und Stuckverzierungen oder Filmrollen und diverse Unterlagen auf dem Dachboden. Ich hätte hier noch wesentlich mehr Bilder zeigen können, manche Details (insbesondere von den Schriftstücken) erschienen mir jedoch zu privat.

1682 erbaut, wurde Chateau D. um 1890 erweitert. Der letzte Besitzer wollte das Anwesen wieder herstellen und restaurieren, er starb jedoch 2006, bevor er sein Vorhaben in die Tat umsetzen konnte. Seit dem steht das Schloss leer, Vandalismus und der Zahn der Zeit verwandeln es immer mehr zur Ruine. Noch wäre es zu retten, doch Pläne für ein Hotel oder Erholungsheim wurden im Juni 2009 zunichte gemacht. Erfahrungsgemäß wird nun wohl auch Chateau D. das traurige Schicksal vieler gleichwertiger Gebäude teilen.







Im zweiten Weltkrieg besetzten deutsche Truppen das Schloss und errichteten angrenzend einen Luftschutzbunker.

Die Besichtigung von zwei anderen angedachten Locations ließen wir wegen der zeitlichen Gegebenheiten aus, zumal es fraglich gewesen wäre, ob wir überhaupt hinein gekommen wären. Darüber hinaus ließ unsere Fitness inzwischen merklich nach.

Es dämmerte bereits, als wir am späten Abend Kasteel Pulhof erreichten, dessen Geschichte bis in die Anfänge des 14. Jahrhunderts zurück reicht. Im 17. Jahrhundert brannte die Burg aus, in den Folgejahren wechselte die Domäne mehrfach ihre Besitzer. Das alte Schloss wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts bis auf den Keller abgerissen, zwischen 1909 und 1910 entstand ein Neubau. Letzte Besitzerin war Christina Jacqueline Ardina Ackermans Johanna. Sie starb 2003 im stolzen Alter von 106 Jahren und vererbte das Schloss der Provinz Antwerpen. Diese ließ u.a. das Dach erneuern und Asbest entfernen, etwa 2014 werden alle Sanierungen beendet sein. Im Schloss soll daraufhin ein Kulturzentrum für Veranstaltungen und Ausstellungen entstehen.

Die nächtliche Besichtigung der "Bar der Dämonen", wie sie im Internet bezeichnet wird, wurde ärgerlicherweise vereitelt. Denn nicht nur, dass selbst zu später Stunde noch Leute in den angrenzenden Schrebergärten waren, so fuhren auch noch wiederholt Streifenwagen der nahe gelegenen Polizeiwache dort vorbei. Da war uns das Risiko erwischt zu werden einfach zu groß.

Ich startete mein Navi mit dem ersten Objekt, das für den nächsten Tag geplant war und wollte unterwegs nach einem geeigneten Schlafplatz Ausschau halten. Immerhin lag der nächste Besichtigungspunkt rund 80 Km entfernt und so konnten wir schon mal ein paar davon hinter uns bringen. Während Miri bereits schlief, war ich paradoxerweise wieder fit und bog letztendlich erst wenige Minuten vor unserem Ziel in ein unbefestigtes Seitensträßchen ein. Nach kurzer Holperstrecke über einen Feldweg stellte ich den Wagen neben einer Apfelplantage ab. Ein letzter Blick auf die Uhr - inzwischen war es 1.58 Uhr...

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