Vampirgruft



Tag 1

22. Mai 2010 - Nach der Tour im Winter und einem weiteren zweitägigen Trip nach Belgien Anfang April hatten Miri und ich Blut geleckt. Das Land bot noch so viele "Lost Places", dass wir Belgien diesmal großflächiger erkunden wollten; im Westen bis zur Atlantikküste und im Osten zurück. Wohl wissend, was dies für uns bedeuten würden: viel Fahrerei und wenig Schlaf, aber dafür eine Menge interessanter und lohnenswerter Locations. Da ich mittlerweile eine Vielzahl unterschiedlicher Objekte ausfindig machen konnte, konzentrierten wir uns überwiegend auf verlassene Schlösser, wenngleich wir selbst diese zeitlich kaum alle schaffen würden. Bei manchen der von uns besuchten Orte habe ich in diesem Reisebericht bewusst keine genauen Namen angegeben.

Bereits am Abend des Vortages fuhr ich zu Miri ins Saarland, um von dort aus startend am ersten Morgen zumindest ein wenig Zeit einsparen zu können. Nachdem das Auto bis unters Dach beladen war, stärkten wir uns mit Miris überaus leckerem, wenn auch "geringfügig" flüssigem Ravioliauflauf. ;-) Nach dieser vorerst letzten warmen Mahlzeit gingen wir irgendwann (wie gewohnt viel zu spät) ins Bett, bevor uns der Wecker um 4.00 Uhr früh erbarmungslos aus unseren Träumen riss.
Irgendwie die Augen auf bekommen, noch mal duschen und es konnte losgehen.

Nach knapp dreistündiger Fahrt mit Zwischenstopp zum Tanken in Luxemburg erreichten wir unser erstes Ziel: Chateau de Bormenville. Teile des Schlosses aus dem 19. Jahrhundert stehen in Ruinen, während angrenzende Gebäude nach wie vor privat bewohnt werden und dadurch leider jeden Zugang verhinderten. Um diese Gegebenheit wissend, war Bormenville lediglich als Zwischenstopp angedacht. Aber dennoch bot die sich bei leichtem Nebel im umlaufenden Wassergraben spiegelnde Schlossruine in der Morgensonne ein schönes Fotomotiv. Kühe, wie Perlen auf einer Kette aufgereiht, verfolgten uns derweil mit neugierigen Blicken.


Chateau de Bormenville

Knapp 40 Km weiter fiel die Besichtigung des nächsten Objektes, eine unterirdische Gruft, leider nicht ganz so aus, wie erhofft. Genauer gesagt fand sie erst gar nicht statt, da deren Zugänge inzwischen verschlossen waren. :-(  Zwar wurde mir dies bereits zuvor berichtet, aber ich schaue in solchen Fällen lieber selbst einmal vor Ort nach. Es blieb uns jedoch nur ein kurzer Rundgang über den Friedhof.


Mehr Glück hatten wir schließlich in Farciennes und der dortigen Schlossruine. Der dürftige Umfassungszaun war derart lückenhaft, dass der Zugang keinerlei Probleme darstellte und auch die ortsansässige Bevölkerung interessierte sich überhaupt nicht dafür, dass wir das Grundstück betraten. Doch so imposant die Mauern von außen noch wirkten, so ruinös waren sie im Inneren. Stark verfallene Reste von einst zweifelsfrei schmuckvollen Kaminen und Verzierungen waren noch zu erkennen, aber weiter als über das Erdgeschoss kamen wir leider nicht hinaus, da bedauerlicherweise nahezu alle Zwischendecken und Treppen längst eingestürzt waren.

Erbaut wurde das "Neue Schloss" im Jahr 1637 unter Charles de Longueval-Bucquoy an der Stelle einer mittelalterlichen Burg, die 1629 abgetragen wurde. 1666 begann die Planung für die Schlossgärten, die ein Jahr darauf im Beisein von Louis XIV, König von Frankreich, eingeweiht wurden. Er nannte sie "das kleine Versailles des Nordens". In den folgenden Jahrzehnten ging der Adel in Farciennes ein und aus, deren Verstorbene zum Teil in der 1851 abgerissenen Schlosskapelle bestattet wurde. 1836 richteten Anselm Piton und Marie Christine im Schloss eine Glukosefabrik samt Brennerei ein. 1839 zerstörte ein Feuer den Ostturm, 1886 trug der Besitzer des Schlosses den rechten Flügel ab und verkaufte die Steine als Baumaterial. Edmond Rolly und seine Frau waren die letzten Bewohner des Schlosses. Nachdem sie 1956 und 58 verstarben, kaufte die Gemeinde das Anwesen zwar für 1.435.000 Franken, ließ es anschließend jedoch ungenutzt verfallen.

In Farciennes wird das Chateau auch als "das Schloss der Vampire" bezeichnet. Als man 1851 die Schlosskapelle abbrach, entdeckte man acht Särge aus dem 18. Jahrhundert. Wie im osteuropäischen Volksglaube als Mittel gegen die Wiederauferstehung von Vampiren verankert, waren die Schädel der Skelette Richtung Osten gedreht und an der Stelle des Herzens waren Nägel in die Leichnahme getrieben worden. Die Särge waren jene der Gräfin Batthyány Német-Újvári (geborene Gräfin Anna von Waldstein), ihres Sohnes Eugene Batthyány und drei weiteren Kinder aus der zweiten Ehe mit Charles Joseph Graf von Batthyány Német-Újvári. Hierzu sei erwähnt, dass die Abstammung der Familie Batthyány auf eine Seitenlinie des rumänischen Fürsten Vlad Draculea zurückreicht.


Chateau de Farciennes, "das Schloss der Vampire"

Auf der Weiterfahrt kamen wir noch an einem verlassenen Schlösschen vorbei, welches der Beschilderung nach zum Verkauf steht. Hoch umzäunt direkt an einer Hauptstraße mit lebhaftem Getümmel gelegen, gab es leider keine Möglichkeit, es ungesehen zu betreten. Auch im Internet konnte ich dazu bislang keine Informationen finden.

Mit den großen Abteiruinen von Villers-la-Ville und Aulne standen als nächstes zwei touristische Objekte auf dem Programm. Doch Fotos, die wir vorab davon sahen, bewegten uns zu einem Besuch. Die Zisterzienserabtei Villers-la-Ville wurde 1146 als Tochterkloster der Primarabtei Clairvaux des heiligen Bernhard von Clairvaux gegründet. Ihre Blütezeit hatte die Abtei im 13. Jahrhundert mit ca. 100 Mönchen und 300 Laienbrüdern. Im Jahr 1796 wurde die Abtei aufgelöst, danach dienten die Gebäude als Steinbruch. Im 19. Jahrhundert wurde durch das Gelände des einstigen Klosters eine Bahnstrecke gebaut, erst im Jahre 1893 begann die Restaurierung. Villers-la-Ville gilt als die größte Klosterruine Belgiens.

Aufgrund einer Baustelle hatte man die um das Kloster herumführende Holperpiste zur Einbahnstraße degradiert. Dies in Kombination mit vollständig belegten Parkplätzen aufgrund eines Trödelmarktes in Klosternähe führte schließlich dazu, dass ich reichlich entnervt nahezu eine halbe Stunde lang weitläufig im Kreis fahren musste, bevor wir endlich eine Parkmöglichkeit fanden.
Wir entrichteten die 5,- Euro Eintrittspreis pro Person, die sich für die überaus imposanten Ruinen jedoch mehr als lohnten. Alleine in der 90 m langen Kirche samt 42 m langem Querschiff und drei Seitenschiffen hielten wir uns längere Zeit auf, bis wir mit unseren Aufnahmen zufrieden waren und jeden Winkel erkundet hatten. Spitzbogige Arkaden, die auf zylindrischen Säulen ruhten, trennten die Seitenschiffe ab; Efeu wuchs durch die langen Fenster der hohen kreuzgewölbten Seitenschiffe. Ein überaus malerischer und inspirierender Ort, in dem sich die Besucher Dank dessen Größe weiträumig verteilten, so dass wir ungestört fotografieren konnten.


Ruinen des Zisterzienserklosters Villers-la-Ville


Miri im belgischen Knast ;-)

Von den Eindrücken der Klosterruine Villers überwältigt, erwarteten wir von der Abtei Aulne Ähnliches, doch leider wurden wir dort trotz des gleichen Eintrittspreises jäh enttäuscht. Im Gegensatz zu Villers-la-Ville war Aulne nicht nur kleiner, sondern auch optisch längst nicht so reizvoll. Überall Metallgitter und Absperrungen! Hätten wir uns an diese Begrenzungen gehalten, wäre ernsthaft die Frage gestattet, womit sich im Vergleich zu Villers hier der selbe Eintrittspreis rechtfertigt? Auf dem großen Platz in der Mitte standen Müllcontainer, die Ruinen waren umzäunt und offiziell nicht zugänglich und selbst die (neue) Kirche durfte nicht besichtigt werden. Lediglich ein kurzer Weg neben der einstigen Abteikirche konnte begangen werden, dieser war zu allem Überfluss allerdings auch noch mit einem hässlichen Dach aus Wellblech versehen. Wir widersetzten uns daraufhin kurz entschlossen dem vorgegebenen Reglement und überstiegen die Absperrungen. Nur so war es uns überhaupt möglich, Innenansichten der schönen Bauteile aufs Bild bannen zu können - die dreistöckige Außenfassade samt Torbogen sowie den Säulengang der Klosterkirche, deren hohe Spitzbogenfenster ein pittoreskes Spiel aus Licht und Schatten auf das Gras warfen.

Aulne wurde um 656 vom heiligen Landelin von Crespin als Kloster für Benediktinermönche gegründet, die bis 974 blieben. Nach der zwischenzeitlichen Ansiedlung von Augustiner-Chorherren wurde Aulne auf Anweisung des Bischofs Heinrich II. von Lüttich als Tochterkloster der Zisterzienser-Primarabtei Clairvaux 1147/48 unter dem Abt Franco de Morvaux neu gegründet. Nach Plünderungen und Überfällen im 15. und 16. Jahrhundert wurde das Kloster in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts aufwendig erneuert und erweitert, dann aber im Zuge der Französischen Revolution um 1794 aufgelöst und niedergebrannt. Dabei wurde auch die Bibliothek mit 40.000 Büchern und 5.000 Manuskripten zerstört.

Wer einmal in der Gegend ist und sich zeitlich zwischen den Abteien Villers-la-Ville und Aulne entscheiden muss, sollte in jedem Fall erstere für einen Besuch auswählen!


Abteiruine Aulne

Unser nächstes "Objekt der Begierde" war ein überaus reizvolles Schloss, von dem ich schon vorab mehrfach gelesen hatte, dass es etwas "heikel" sei. Leer stehend, aber sehr gut erhalten; das Schloss selbst zwar ringsum (wieder) verschlossen (wenngleich im Inneren der Hammer), das Grundstück für Außenaufnahmen stellenweise jedoch recht einfach zugänglich.
So zeigte es eine Postkarte von 1904 und so steht es auch heute noch:

Ich fuhr es an, in der Hoffnung, wenigstens aus der Ferne ein paar Aufnahmen machen zu können. Doch dazu kam es erst gar nicht und schnell wurde deutlich, was mit der Aussage, dass der Zugang "heikel" sei, gemeint war. Von der Straße aus war vom Chateau aufgrund der dichten Bewaldung nichts zu sehen. Ich parkte abseits und wir waren gerade aus dem Auto ausgestiegen, als wie aus dem Nichts ein anderer Wagen auftauchte, in auffällig langsamen Tempo an uns vorbeifuhr und wenig später stehen blieb. Ein Betreten des Grundstücks war mir in diesem Moment definitiv zu riskant und ich wollte erst weiterfahren. Da mir die Situation aber seltsam vorkam, fuhr ich zu dem anderen Wagen und wollte die beiden Männer gerade ansprechen, als ich sah, dass sich der Beifahrer mein Nummernschild notiert hatte und der Fahrer mit der Polizei telefonierte. "Juhu!" Ich hatte ja nichts zu befürchten und so sprach ich einen der Männer freundlich mit französischen Wortfetzen an, die ich mir zuvor hatte übersetzen lassen. Anstatt einer Antwort sah mich der Mann überaus finster an und wendete sich umgehend von mir ab. "Na dann eben nicht!", dachte ich mir und ging zurück zum Auto, als bereits die Polizei eintraf. Der Beamte sprach zum Glück fließend Englisch und so fragte ich ihn, was denn das Problem sei? Doch auch er gab mir keine Antwort, sondern forderte ebenso unfreundlich wie der Mann zuvor meine Papiere. Miri und ich konnten uns indes ein Lachen nicht verkneifen, als der Polizist telefonisch unsere Namen durchgab und mit Vergleichen wie "W - Whisky" buchstabierte. Anschließend kam er zurück, war diesmal gesprächiger und fragte, was wir hier machen. Ich erzählte ihm, dass wir Urlaub in Belgien machen würden, um Burgen und Schlösser zu besichtigen, da dies unser Hobby sei; und das war ja nicht mal gelogen. ;-) Da ich hier auf meiner Landkarte das Zeichen für ein Chateau gesehen hätte, wäre ich vorbeigefahren, um zu sehen, ob es zu besichtigen sei. Daraufhin entgegnete mir der Polizist, dass der (noch immer extrem finster dreinblickende) Mann angegeben hatte, dass wir das Grundstück & das Schloss unbefugt betreten hätten, was ich wahrheitsgemäß abstritt. Ich erwiderte, dass wir zuletzt die Abtei Aulne besichtigt hätten und bot ihm an, ihm als Beweis meine letzten Fotos auf meiner Kamera zu zeigen. Inzwischen schien er beruhigt aber dennoch etwas genervt über die Tatsache, dass er uns nichts anhaben konnte. Das führte wohl dazu, dass er verlangte, meine "grüne Versicherungskarte" zu sehen. Meine Antwort, dass diese in Belgien nicht vorgeschrieben sei, ließ er nicht gelten und er drohte mir schließlich an, dass er ohne die Karte mein Auto sofort stilllegen könne. Ich hatte jedoch eher den Eindruck, dass er sich wichtig machen wollte, denn vermutlich wohl wissend, dass seine Angabe nicht korrekt war, ließ er uns kurz darauf weiterfahren und wünschte uns noch einen schönen Urlaub.

Nun; dieser Vorfall verlief glücklicherweise glimpflich (wären wir tatsächlich bereits auf dem Grundstück gewesen, hätte das schließlich auch ganz anders ausgehen können). Aber dennoch vermieste uns das Zusammentreffen mit der Polizei etwas den Tag, zumal wir jetzt zumindest in dieser Gegend bekannt waren. Außerdem wusste ich nicht, wie in Belgien mit unseren Daten (Namen, Kfz-Kennzeichen) verfahren würde. Das führte letztendlich auch dazu, dass wir uns bei dem nächsten (nahegelegenen) Schloss gegen eine Innenbesichtigung entschieden, selbst wenn es recht einfach zugänglich gewesen wäre. Aber nur wenige Fahrminuten von dem vorherigen Schloss entfernt, war es uns doch etwas zu riskant, zumal Baumaterialien vor dem "Chateau de G." es auch nicht mehr ganz so interessant erscheinen ließen.

Vom darauffolgenden Schloss, das wir nach weiteren 40 Minuten erreichten, waren von der Straße aus durch die Bäume nur Bruchstücke zu erblicken. Doch mit verschlossenen Fensterläden und verwitterten Mauern reichten diese aus, um es in die Kategorie "Will ich sehen!" einzustufen. Die lediglich hüfthohe Umfriedung wäre kein Problem gewesen, die wachsamen Anwohner direkt nebenan und gegenüber ärgerlicherweise hingegen schon. Also wählten wir die einzige Möglichkeit: Miri klingelte und fragte höflich auf Französisch, ob wir das Schloss zumindest von außen fotografieren dürften. Doch nach einem erneut äußerst unfreundlichen "NON!" verstummte die Sprechanlage und uns blieb nur, unverrichteter Dinge weiterzufahren. War zwar schade, aber vor allem störte mich der andauernd patzige Ton der Leute. Wenn man nett fragt, könnte man ja zumindest auch etwas freundlicher antworten.

Weiter ging die Fahrt, auch wenn diese aufgrund unzähliger Baustellen und gesperrter Straßen reichlich nervig und uneingeplant zeitraubend war. Nach gefühltem fünfmaligem im-Kreis-Fahren erreichten wir jenen Freizeitpark, der in der Urbex-Szene und weit darüber hinaus schon seit Jahren bekannt ist. Deshalb wäre es auch unsinnig, den Namen zu verschweigen. Heute ist der "Dadipark" nur noch ein Schatten seiner selbst. Kein Vergleich mehr zu seinem ursprünglichen Aussehen und auch kein Vergleich mehr zu den Bildern, die dort noch vor vier, fünf Jahren entstanden. Quasi alles ist kaputt - teils aufgrund Abbau und Witterung sowie fehlender Nutzung & Wartung, vieles aber schlichtweg auch durch mutwillige Zerstörung. Dennoch finden sich auch heute noch ein paar nette Fotomotive.

Gegründet 1950, war der Dadipark einst der älteste Vergnügungspark Belgiens. Im Jahr 2000 verlor ein Junge bei einem schweren Unfall in der Aqua-Jet-Anlage einen Arm. Daraufhin wurde in den Park nicht mehr investiert und sein Verfall schritt zusehends voran. In der Saison 2002/2003 wurde der Park schließlich geschlossen, Pläne für eine Modernisierung und Wiedereröffnung wurden nie umgesetzt. Mittlerweile ist der Park in einem derart desolaten Zustand, dass eine neue Nutzung des Areals, in welcher Form auch immer, nur noch mittels vorherigem Einsatz von Abrissbaggern und Planierraupen realisierbar wäre. Traurig; hier ist jegliches Kinderlachen schon seit Jahren verstummt...





Chateau "du Loup" - unter diesem Fakenamen wurde jenes Schloss bekannt, welches nun auf unserer Liste stand und das ich unbedingt sehen wollte; schon alleine wegen seines fotografisch interessanten Treppenhauses. Ob die Strecke, die mich mein Navi dorthin lotste, so optimal war, wage ich mal zu bezweifeln. Links - rechts - links - rechts - links - rechts... Ein Richtungswechsel im 30-Sekunden-Takt, mehrere Minuten auf kleinsten Seitensträßchen. Die Route muss von oben einer "Treppe" geglichen haben, und immer durch die "gute Landluft". Nichts desto trotz kamen wir an, und das war die Hauptsache. Auf der Wiese des Schlossparks, in dem gleich zwei Schlösser unweit von einander entfernt stehen, liefen ein dutzend Hasen durchs Gras, Spaziergänger führten ihre Hunde aus und die Abendsonne strahlte durch die Bäume. Eine fast schon kitschig anmutende Kulisse wie aus einem schnulzigen Werbefilm.

"Du Loup" ist mit gerade mal knapp einhundert Jahren ein vergleichsweise neues Schloss. Erbaut wurde es 1913, letztmalig bewohnt 2002 - so dachte ich zumindest... Davor stehend schaute ich es ungläubig an; ein Großteil der einst verschlossenen Rollos war geöffnet, neben dem Schloss standen zwei Autos und hinter einem der Fenster bewegte sich jemand. "Oh nein! Das darf doch nicht wahr sein! Nicht ausgerechnet dieses Schloss!" Tja, was nun? Ich wollte unbedingt dieses Treppenhaus mit dem hohen Bleiglasfenster fotografieren! Also das altbekannte Spiel: Ich klingelte und nach kurzer Zeit kam ein Mann ans Fenster. Miris Augen schienen in diesem Moment verzweifelt zu sagen "Da kommen wir auch nicht rein." Und im ersten Moment sah es auch danach aus, nachdem der Mann mir auf Englisch mitteilte, dass das Schloss nicht mehr leer stünde und für Touristen nicht zugänglich sei. Doch zur Abwechslung zumindest mal ein freundlicher Zeitgenosse. :-) Deshalb gab ich auch nicht so schnell auf und fragte ihn, ob es uns möglich sei, wenigstens das Treppenhaus fotografieren zu dürfen. Das Fenster schloss sich und wenig später erschien der Mann an der Tür. Er berichtete uns, dass er das Schloss, welches demnächst komplett saniert werden soll, vor kurzem bezogen hätte. Er kenne die Urbex-Szene aus dem Internet, aber verständlicherweise läge es nicht in seinem Interesse, dass weiterhin ständig Leute kommen und versuchen, in seine Wohnung einzudringen. Aus diesem Grund bat er mich bekannt zu machen, dass "du Loup" nicht länger verlassen sei - was ich auch direkt im Anschluss an meine Reise in diversen einschlägigen Foren publizierte. Und wir hatten Glück. Auch wenn das Schloss zukünftig nicht für Touristen zugänglich sei, gestattete er uns ausnahmsweise, zwei Räume, das Treppenhaus und das Dachgeschoss zu fotografieren. Lediglich könne er uns maximal eine halbe Stunde Zeit geben, da er dann weg müsse. Egal; wir waren happy und wollten dieses Angebot und die Zeit so gut es ging ausnutzen. Die folgenden 30 Minuten vergingen wie im Rausch. Selten habe ich mir so wenig Zeit für Details oder Einstellungen gelassen. Kamera aufs Stativ, durch die Räume gehetzt und abgedrückt, bis die Speicherkarte glühte. ;-) Aber dennoch sind ein paar brauchbare Aufnahmen dabei heraus gekommen und womöglich waren wir vorerst zwei der Letzten, die das Schloss betreten & innen fotografieren konnten / durften.


Chateau "du Loup"


Anschließend noch schnell ein Foto des benachbarten Chateau W. und weiter ging es.

Wir hätten noch zwei weitere Ziele in der Gegend gehabt; für eines war es jedoch bereits zu spät und ein anderes fiel aufgrund gegenüberliegender Wohnhäuser mit Leuten am Fenster weg. Just als wir von letzterem wegfahren wollten, machte mein Auto unschöne, klackernde Geräusche. Jetzt bloß keine Autopanne! Da es inzwischen schon dunkel war, parkte ich unter einer Straßenlaterne und wir suchten per Taschenlampen den ganzen Wagen ab. Motorraum, Radkästen, unterm Auto - alles. Doch nichts war zu finden und irgendwie konnten wir die Quelle und die genaue Richtung, aus der das Geräusch kam, nicht orten, zumal es nicht permanent auftrat. Ich ahnte Böses und war schon kurz davor, beim ADAC anzurufen, als Miri bei einer nochmaligen Suche das Rätsel löste: Es hatte sich lediglich die Antenne gelockert, die bei der Fahrt auf holpriger Straße dieses Klackern verursachte. Puh!

Da wir noch so viele "Lost Places" auf dem Plan hatten, entschieden wir uns dazu, weiterzufahren und uns an der Küste einen Schlafplatz zu suchen. Mittlerweile waren wir so nah, dass wir zumindest einmal das Meer sehen wollten; Müdigkeit hin oder her.
Kaum hatten wir Dünen bestiegen, blies uns aus Nordwesten vom Meer kalter Wind entgegen. Nicht desto trotz liefen wir durch den weichen Sand bis zum Wasser und schauten auf die Uhr: Punkt Mitternacht! Dennoch war der Mond hell genug, so dass wir auch ohne Taschenlampen noch ein wenig sehen konnten. Die Wellen brachen sich rauschend am Strand, am Horizont bewegten sich die Lichter von Schiffen und rechts davon erhellte die Beleuchtung der Stadt den Nachthimmel. Eine tolle Atmosphäre und ein ebenso tolles Gefühl. In jedem Fall hatte sich der nächtliche Abstecher gelohnt.


Um Mitternacht an der Atlantikküste

Auf der Weiterfahrt mussten wir an einer Zugbrücke warten. Ich stieg aus, um ein Foto zu machen und wollte gerade wieder einsteigen, als sich von links ein gigantisches Schiff ins Bild schob. Also schnell nochmals auf den Auslöser gedrückt! Wie ich im Internet nachlesen konnte, hat die "Shanghai Highway" eine Länge von 180 Metern, sie ist 32 m breit und fast 10 m hoch. Da sie auf der schnellen Nachtaufnahme ziemlich unspektakulär erscheint, zum Vergleich noch ein Tageslichtfoto aus dem Internet (aufgenommen von Jack Bouman).


Inzwischen war es mehr als Zeit, endlich schlafen zu gehen! Um Kosten zu sparen, musste auf dieser Tour hierfür mein Auto herhalten. Irgendwo außerhalb bog ich in einen kleinen Seitenweg ein und todmüde stapelten wir alles, was uns im Weg lag, im Kofferraum. Katzenwäsche, Ohrenstöpsel rein, Türen verschließen, Schlafsack zu. 1:48 Uhr - Es dauerte keine fünf Minuten und ich schlief ein.

Resümee des Tages: 861 verfahrene Kilometer und fast 21 Stunden auf Tour...!

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