Rumaenienburgen


Draculas Heimat
~ Auf den Spuren von Dracula und dem kleinen Vampir. Transsilvanien / Rumänien, Dezember 2002 ~

"Wir sind hier in Transsylvanien... Unsere Gebräuche sind nicht eure Gebräuche. So könnte Ihnen einiges hier ziemlich seltsam vorkommen..."



Transsilvanien, Karpaten, Dracula - Begriffe, die mein Herz schon als Kind höher schlugen ließen. Und so erfüllte ich mir 1995 erstmals den Traum einer Rumänienreise. 36 Stunden fuhr ich damals mit einem schlechten Reisebus, innerhalb einer Woche konnte ich nur wenig sehen, da viele Orte nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar sind, und zur Heimreise erneut über 30 Stunden Busfahrt. Trotz allem war dies ein toller Urlaub mit bleibenden Eindrücken, sodass und ich unbedingt nochmals in dieses Land wollte. Damals hätte ich nicht gedacht, dass bis dahin 7
½ Jahre vergehen würden, doch jetzt war es endlich so weit.

Obwohl ich diesmal der langen Fahrt durch einen Flug entging und einen Mietwagen in Bukarest reserviert hatte, kamen mir doch ein paar Bedenken, umso näher der Tag der Reise rückte - denn ich fuhr nicht nur alleine, sondern noch dazu mitten im tiefsten Winter...
 


Blick aus dem Flugzeug auf die Karpaten
 

Tag 1, 26.12.02

Nach einer kurzen Nacht ein dreistündiger Flug mit Zwischenlandung in Cluj-Napoca (dt. Klausenburg) und ich erreichte nach Sonnenuntergang Otopeni, nahe Bukarest. Aus dem Flugzeug gestiegen, zog die eisige Winterkälte Rumäniens an mir hoch, sodass ich froh war, als ich nach dem Geldwechsel (100 Euro zu diesem Zeitpunkt = 3.110.000 Lei) endlich in meinem Mietwagen saß und die Heizung einschalten konnte.


Mit 2 Scheinen Millionär - Leider nur der Zahl nach...

Vor mir lagen rund 150 Km nächtliche Fahrt durch die Karpaten Richtung Norden, und diese Strecke kam mir schier endlos vor. Die Straßen wurden immer enger & kurvenreicher, der Schnee am Straßenrand immer höher, der Nebel immer dichter - und meine Nerven immer dünner. Unterwegs begegneten mir unzählige Rumänen, die trotz der Dunkelheit kein Licht an ihren Fahrrädern hatten, und trotz der späteren Tageszeit standen in fast jedem Ort mehrere Tramper. Unfassbar für mich war der Moment, in dem mir ein langsam fahrendes Auto ohne Licht begegnete, aus dem der Beifahrer die Straße lediglich mit einer Taschenlampe beleuchtete...

4 Stunden nach meiner Ankunft in Rumänien fand ich in Brasov (dt. Kronstadt) endlich mein Hotel und fiel bald darauf nur noch todmüde ins Bett.


links: Der Blick aus meinem Hotelzimmer in Brasov (Kronstadt)
 

Tag 2, 27.12.02

Um kurz vor 7.00 Uhr klingelte mein Wecker und der für mich wichtigste Tag meiner Rumänienreise begann. Der wichtigste Tag deshalb, weil ich unter anderem die Kirchenburg in Viscri (dt. Deutsch-Weißkirch) besuchen wollte, in der Teile aus "Der kleine Vampir und Graf Dracula" (Band 16, bzw. "Neue Folgen Band 8" unter dem ehemaligen Titel "Anton und der kleine Vampir - Die Reise zu Graf Dracula") spielen.



Beim Duschen musste ich feststellen, dass es im Bad lediglich zwei Arten von Wassertemperatur gab - kalt und eiskalt. Danach war ich zwar wach, aber durchgefroren. Anschließend stellte sich mir die Frage "Frühstück plus evtl. Strafzettel (da ich auf dem Parkplatz nur bis 8.00 Uhr stehen durfte) oder gleich fahren?". Ich entschied mich für Letzteres.
Am gänzlich zugefrorenen Auto angekommen, zeigte das Thermometer eisige -26°C *bibber*  Irgendwann waren die Scheiben unter Schwerstarbeit frei gekratzt, die Heizung im Auto warm, und ich auf dem Weg Richtung Norden. Dichter Nebel mit nur minimaler Sichtweite erschwerten die erste Stunde Fahrt enorm; aber dieser lichtete sich schließlich und die Wintersonne tauchte die verschneite Karpatenlandschaft in ihr kaltes Licht.


Die Kirchenburgen in Rotbav (Rothbach) und Homorod (Hamruden)

Rupea (dt. Reps) - mein erstes Ziel nach Zwischenstopps bei den Kirchenburgen in Rotbav (dt. Rothbach) und Homorod (dt. Hamruden) - mit seiner großflächigen Burgruine lag vor mir. 20 Minuten Aufstieg durch den knöcheltiefen Schnee und meine Enttäuschung war groß, denn die Burg war verschlossen. So blieben mir leider nur ein paar Außenaufnahmen in der schönen Schneelandschaft. Ich fuhr weiter über Dacia mit Ziel Cobor und der dortigen Kirchenburg. Trotz Straßenkarte fand ich den Weg aber nicht und bei Nachfragen im Ort Jibert erklärte man mir auf Rumänisch mit englischen Wortfetzen sowie mit Zeichensprache, dass Cobor eingeschneit und von hier aus mit dem Auto nicht erreichbar sei. Meine ersten Zweifel kamen auf, ob es wirklich so eine gute Idee war, im Winter nach Rumänien zu fahren. Die trüben Gedanken verflogen jedoch schnell, da jene Rumänen, die mir das mit dem eingeschneiten Ort Cobor erzählt hatten, mit zurück nach Dacia fuhren und im Auto mit ihren urigen Instrumenten lautstark Musik machten ;-)



Die Ruine oberhalb von Rupea (Reps)


Winterlandschaft bei Rupea


Mit Eisklümpchen an den Wimpern bei -26°C vor der Ruine in Rupea...

Mein nächstes Ziel war Viscri und ich hoffte, dass dies zumindest per Auto angefahren werden konnte. Und falls nicht, würde ich notfalls eine der  Pferdekutschen anhalten, die manchmal zu sehen waren. Irgendwie würde ich schon dort hinkommen, egal wie!
Kurz hinter Dacia (dt.: Stein) entdeckte ich freudig den "Ort der Ruhe" - jenen Friedhof, der ebenfalls in Band 16 vom kleinen Vampir vorkommt. Nach einigen Fotos und der "Huldigung von Rüdigers Heimaterde" wollte ich mir etwas dieser Erde als Erinnerung mitnehmen, so wie ich das bereits 1995 von der Grabinsel Draculas in Snagov tat. Allerdings gar kein so leichtes Unterfangen, bei derartigen Minustemperaturen und dazu noch unter Schnee ein Stück Erde vom Boden zu kratzen...


Der "Ort der Ruhe" in Dacia (Stein), 8 Km vor Viscri (Deutsch-Weißkirch)



Die Straße nach Viscri (dt. Deutsch-Weißkirch - oder "Schwarzgruft" wie es die Vampire im Buch von Angela Sommer-Bodenburg nennen) war glatt; extrem glatt. Im Grunde bestand sie nur aus festgefahrenem Schnee & Eis, wodurch die Reifen bereits bei geringer Beschleunigung sofort durchdrehten. Aufgrund dessen brauchte ich für die gerade mal 8 Km tatsächlich über eine halbe Stunde. Aber immerhin kam ich in Viscri an und das war die Hauptsache für mich! Ich ging um die Kirchenburg herum und machte ein paar Fotos, bis ich schließlich vor dem Tor stand - verschlossen. Aber dort hing ein Schild, dass die Burghüter in Hausnummer 141 wohnen. Allerdings fand ich diese nicht, und so fragte ich zwei Jungen, die mit einem Schlitten vorbeiliefen. Erst auf Deutsch, dann ich Englisch - vergeblich. Also zeigte ich auf mich, anschließend in Richtung der Kirchenburg und sagte das rumänische Wort "Cetatea" (Burg). Schließlich verstanden sie mein Anliegen und führten mich zum Haus der Burghüterin. Es war jene "Frau Schnack" aus "Der kleine Vampir und Graf Dracula" (sie heißt natürlich nicht wirklich so, sondern Frau Dootz) - und sie sprach Deutsch. Eine unbeschreiblich freundliche & liebevolle Frau, die sich unheimlich über die Grüße von der Autorin des kleinen Vampirs, Angela Sommer-Bodenburg, gefreut hat. Wir unterhielten uns lange - über die Burg und den Ort, den kleinen Vampir, Angelas Besuch der Kirchenburg in den 90er Jahren sowie Rumänien - und anschließend gingen wir gemeinsam zur Kirchenburg Viscri. Sie nahm sich sehr viel Zeit, um mir alles zu zeigen und meine Fragen (auch zur Geschichte der Burg) zu beantworten. Vom Turm (in dem einst Fledermäuse lebten) hatte man eine herrliche Aussicht und ich machte unzählige Fotos des beeindruckenden Gemäuers.


Die Straße nach Viscri


Die Kirchenburg in Deutsch-Weißkirch (Viscri)


Blick vom Turm & zwei alte Stollentruhen im Zwischenstockwerk des Turmes


Vor Viscri

Die Kirchenburg in Viscri ist meiner Ansicht nach wesentlich sehenswerter, als der "Touristenmagnet Rumäniens", Schloss Bran (Törzburg). Denn nicht nur die persönliche und liebevolle Führung unterscheidet Viscri von Bran, sondern auch die Tatsache, dass Bran touristisch inzwischen über die Grenzen des Erträglichen hinaus ausgeschlachtet ist und den Besuchern darüber hinaus als etwas verkauft wird ("Draculaschloss"), was es nicht ist und nie war. Und so ist die Kirchenburg in Viscri trotz der teils schlechten Straßen, die zu ihr führen, auf jeden Fall einen Besuch wert! (Anm.: Die Straße wurde mittlerweile asphaltiert.)


Die Weißkirchener Tracht & die Burghüterin Frau Dootz

Zum Schluss trug ich mich noch ins Gästebuch der Burg ein und dann gingen wir nochmals in das Wohnhaus der Burghüterin, wo wir uns erneut unterhielten und Frau Dootz mir unter anderem die Weißkirchener Trachten zeigte. Mit dem Versprechen, ihr die Fotos zu schicken, Angela Sommer-Bodenburg Grüße auszurichten und mit selbstgebackenem Kuchen, den  mir Frau Dootz einpackte, fuhr ich weiter auf der E60, welche den Süden mit dem Norden Rumäniens verbindet, mit Ziel Sighisoara (dt. Schässburg). Dort angekommen und die hässlichen Vorstadtgebiete samt Industriegebiet hinter mir gelassen, suchte ich mir einen Parkplatz unterhalb des Stundturmes und stieg die Steinstufen zum höher gelegenen, historischen Stadtkern Sighisoaras empor. Der Stadtkern bietet wirklich sehr schöne & sehenswerte Plätze, wie u.a. den Stundturm, die Stadtfeste und die Bergkirche sowie das berühmte "Draculahaus" aus dem 15. Jahrhundert (in dem der historische Vlad "Tepes" Draculeaangeblich geboren wurde - was mangels Belege jedoch stark anzuzweifeln ist).


Der mittelalterliche Stundturm von Sighisoara (Schässburg)



Das "Draculahaus"


Draculastatue


Rechts: Teile der ehemaligen Stadtfeste

Nach einem kurzen Rundgang in den Mauern der Stadt wurde es mir langsam zu kalt, sodass ich mich dazu entschloss, die rund 120 Km zurück nach Brasov zu fahren. Unterwegs versank die Sonne hinter den Karpaten und mehr als einmal bedauerte ich, dass es keine Möglichkeit zum Anhalten und Fotografieren gab. Allerdings konnte ich in Saschiz (dt. Keisd) noch einen kurzen Zwischenstopp machen, um die dortige Kirchenburg sowie vom Tal aus die Ruine der einstigen Bauernburg zu fotografieren. Leider dämmerte es bereits, weshalb mir der Aufstieg zur Burg zeitlich (zumal bei hohem Schnee) nicht mehr möglich war.


Kirchenburg & Ruine in Saschiz (Keisd)

Kurz vor Brasov entschied ich mich spontan dazu, noch einen Abstecher ins knapp 30 Km entfernte Bran (dt. Törzburg) zu machen, um das dortige Schloss (ehem. Grenzburg zwischen Trassilvanien und der Walachei) bei Nacht zu fotografieren. Spätabends im Hotel angekommen, schrieb ich noch ein paar Zeilen in mein Reisetagebuch und schlief anschließend ziemlich schnell ein.


Schloss Bran (Törzburg) bei Nacht


Tag 3, 28.12.02

Als mein Wecker am frühen Morgen klingelte, dachte ich nur, dass ich vor Müdigkeit gleich wieder umfalle. Also schnell zum Aufwachen unter die Dusche - diesmal hatte ich sogar wenigstens lauwarmes Wasser... Wieder ohne Frühstück (na ja, eigentlich frühstücke ich eh nie) ging ich zum Auto (das heute erfreulicherweise nicht zugefroren war), mit dem ich eigentlich die Ruinen der Zitadelle von Brasov anfahren wollte. Ich habe geschlagene 1 ½ Stunden gesucht, sie aber trotz Stadtplan nicht gefunden. Das lag allerdings nicht daran, dass ich zu blöd zum Suchen bin, sondern daran, dass Brasov voll mit Einbahnstraßen ist. Und jedes Mal, wenn ich dem Ziel auch nur andeutungsweise näher kam, wurde ich durch diese gezwungen, wieder in die falsche Richtung zu fahren. Mehrere Seitenstraßen waren wegen Eis & Schnee zudem schlichtweg unbefahrbar, weshalb ich zwischenzeitlich mehr als einmal mit durchdrehenden Reifen im Schnee stecken blieb. Jedenfalls gab ich schließlich völlig entnervt auf und fuhr nach Rasnov (dt. Rosenau), wo ich dir dortige Burg sehen wollte.



Zwar gab es an der Burg einen Parkplatz, die Bergstraße war jedoch stellenweise derart glatt, dass es mir unmöglich war, dort mit meinem kleinen Mietwagen hochzufahren. Also parkte ich das Auto im Ort und ging die knappe Stunde zur Ruine zu Fuß. Schnaufend oben angekommen, stellte ich zu meinem Erstaunen fest, dass die Burg geöffnet war. Die Kassiererin der Eintrittsgelder berichtete mir, dass sie jeden Tag (und eben auch im Winter) zur Burg hoch läuft, um ihren Job zu tun.
Mein erster Eindruck war nicht so berauschend, da die Burg gerade restauriert wurde und deshalb überall Holz herumlag. Zudem waren einige Räume wegen der Sanierungsarbeiten verschlossen. Vom höchsten Punkt hatte man allerdings einen grandiosen Panoramablick auf die Gipfel der umliegenden Karpaten. Die Rosenauer Burg diente übrigens als Kulisse für dokumentarische Dracula-Filme, der echte Vlad lebte hier jedoch nie.


Ruine der Bauernburg Rasnov (Rosenau)

Wieder am Auto angekommen, ging es weiter zu Schloss Bran (Törzburg), von dem ich auch bei Tage ein paar Fotos schießen wollte. Auf eine Innenbesichtigung habe ich diesmal allerdings verzichtet - Ich hatte die an sich durchaus imposante Burg bereits 1995 gesehen und vor allem nervten mich die unzähligen Touristen- und Souvenirläden am Fuße der Burg ohne Ende. Na ja, zumindest bekam ich dort Postkarten, auch wenn ich diese wegen des Wochenendes (Post geschlossen, keine Briefmarken erhältlich) leider erst in Deutschland abschicken konnte.


Vorder- und Rückseite von Schloss Bran (Törzburg)

Schloss Bran gilt als "DAS Draculaschloss", zumindest wird es Touristen immer wieder als solches verkauft. So schön die Burg auf ihren schroffen Felsen auch anzuschauen ist, mit Dracula hat sie - zumindest historisch gesehen - jedoch kaum etwas zu tun. Bei Bran handelte es sich um eine Grenzburg zur Sicherung des Warenhandels zwischen Transsilvanien (Siebenbürgen) und der Walachei (die Grenze beider Bezirke verläuft unmittelbar am Fuße der Burg). Der historische Vlad "Tepes" Draculea hat auf der Burg nie gelebt, ebenfalls wurde er dort, wie teils berichtet wird, nie gefangen gehalten.
Und auch die in manchen Quellen zu lesende Behauptung, dass auf der Burg Teile von Roman Polanskis "Tanz der Vampire" gedreht worden seien, ist leider unwahr. Aber was wird nicht alles erzählt, um Touristen anzulocken...


Das nächste Stück meiner Reise war gleichzeitig auch eines der Längsten. Fast drei Stunden brauchte ich, bis ich endlich bei der Ruine Poienari, ca. 30 Km nördlich von Curtea de Arges, ankam. Zuvor machte ich wenige Kilometer oberhalb von Bran noch einen kurzen Stopp, da man von einem Parkplatz am Rande des Passes einen grandiosen Blick auf die Karpaten hatte. Auf der Weiterfahrt fiel mir auf, wie viele wilde, herrenlose Hunde es traurigerweise in Rumänien gibt. Es tat wirklich im Herzen weh zu sehen, wie sie mit ihren traurigen Gesichtern & teilweise humpelnd durch den Schnee liefen. Mindestens 30 Hunde hatte ich alleine an diesem Tag gesehen.


Blick auf die Karpaten nahe Bran (Törzburg)

Kurz vor der Ruine Poienari, die Vlad "Tepes" Draculea einst vermutlich von Zwangsarbeitern wieder aufbauen lies und zeitweise auch selbst darin lebte (so sagt man zumindest), wurde die Straße immer enger und rutschiger. Kein Wunder, denn hier beginnt einer der eindrucksvollsten, im Winter aber auch gefährlichsten Pässe der umliegenden Karpaten. Unbeschreibliche Felsenberge, kantig, steil, kalt. Tiefe Schluchten, vereiste Felsen und darunter der Arges, der basierend auf Legenden auch "Fluss der Tränen" und "Fluss der Prinzessin" genannt wird. Wäre Bram Stoker je in Rumänien gewesen, hätte er seinen Roman mit Sicherheit genau hier spielen lassen. Denn nach den Beschreibungen aus seinem Buch stimmte fast alles - die Landschaft, die Karpaten, Draculas Burg, der Fluss Arges. Nur, dass es hier eben nicht der Borgopass und der Ort nicht Bistrita (dt.: Bistritz) war (eine Gegend im nördlicheren Rumänien, in welcher der historische Dracula vermutlich gewesen ist).

Ich folgte dem Bergpass mit dem Auto noch etwas weiter, um die Ruinen von allen Seiten fotografieren zu können - und bald darauf wurde ich ziemlich geschockt. Ich fuhr durch einen kleinen Tunnel, an dessen Decke unzählige große Eiszapfen hingen. Kaum war ich am Ende angelangt, da löste sich ein großer Eiszapfen und fiel hinter meinem Auto mit einem lauten Krachen auf die Straße. Nur wenige Sekunden früher und er hätte mich getroffen. Ich war nicht gerade beruhigt bei dem Gedanken, nochmals durch diesen Tunnel fahren zu müssen. Aber es geschah bei meiner Rückfahrt zum Glück nichts. Puh! Im Nachhinein ärgere ich mich lediglich etwas darüber, dass ich wegen der Aufregung kein Foto von dem vereisten Tunnel gemacht habe.


Die Karpaten

Ich stellte mein Auto auf dem leeren, eingeschneiten Parkplatz ab und stieg hinauf zur Burgruine Poienari (es gibt in Rumänien mehrere Orte mit dem Namen "Poienari", in der Nähe der Burg sucht man ein gleichnamiges Dorf jedoch vergeblich. Der Ort nahe der Ruine heißt Aref, bzw. Arefu). Insgesamt rund 1500 Treppenstufen, die zudem völlig vereist und zum Teil sogar von kleinen Schneelawinen verschüttet waren, führten mich hinauf. Extrem anstrengend und auch nicht gerade ungefährlich. Aber mit Ausnahme von zwei Ausrutschern, schmerzenden Beinen und "Atemnot" kam ich unbeschadet irgendwann oben an. Von unten sah die Burg zugegebenermaßen interessanter aus. Auch die vielen Metallgeländer wollten so gar nicht zu der Kulisse passen. Und dennoch - inmitten dieser zerklüfteten Felsen, der Stille und eisigen Winterkälte hatten die Mauern trotzdem ihre atmosphärische Wirkung.


"Draculas Burg" Poienari



Links: Der schmale Fluss "Arges" von der Ruine aus gesehen

Ich machte ein paar Fotos und wurde plötzlich durch ein lautes Grollen aus meinen Gedanken gerissen. Ich drehte mich um und sah gerade noch, wie eine schätzungsweise 2 - 3 m breite Schneelawine auf die Straße krachte. Spätestens jetzt stand für mich fest, dass ich den Pass lieber nicht weiterfahren, sondern umkehren und wieder über Curtea de Arges den Rückweg nehmen würde. Als ich die Burg verließ, kreiste ein Rabe mit lauten, widerhallenden Schreien über den Mauern und die Sonne wurde immer mehr von dunklen Wolken verdeckt. Ein unheimliches, aber filmreifes Szenario. Ich war doch etwas erleichtert, als ich nach einem rutschigen Abstieg über die verschneiten Steinstufen schließlich mein Auto erreichte. Vor der Rückfahrt habe ich mir noch eine Flasche mit Wasser aus dem Arges abgefüllt, das als "ein etwas anderes Andenken" zusammen mit der "Heimaterde des kleinen Vampirs" auf mein Regal kommt. ;-)



Als ich nach über 3 ½ Stunden Fahrt endlich wieder in meinem Hotel in Brasov (Kronstadt) ankam, war es längst dunkel und ich total müde. Ich musste mich fast zwingen, noch etwas in mein Reisetagebuch zu schreiben und war froh, als ich mich endlich schlafen legen konnte. Mit dem Wissen, dass am nächsten Morgen wieder um 7.00 Uhr mein Wecker klingeln würde...


 

4. Tag, 29.12.02

Mein letzter ganzer Tag in Rumänien war angebrochen, für den Tirgoviste und Snagov auf dem Programm standen. Zuvor hieß es aber erst mal Koffer packen, da ich meine letzte Nacht in einem Hotel am Bukarester Flughafen verbringen würde. Ich wollte Brasov jedoch nicht verlassen, ohne wenigstens noch einen Teil der Stadtbefestigung zu besichtigen. Denn eigentlich hatte ich von der Stadt selbst (außer aus dem Auto) kaum etwas gesehen.


Der "weiße Turm" mit Blick auf Brasov (Kronstadt)

Auf der Weiterfahrt stoppte ich kurz an den Kirchenburgen in Cristian (dt. Neustadt) und Ghimbav (dt. Weidenbach), zwei unmittelbare Nebenorte von Brasov, danach ging es Richtung Tirgoviste (alte Schreibweise: Târgoviste). Die Straße dorthin war teilweise in einem wirklich katastrophalen Zustand und der von vorausfahrenden Autos aufgewirbelte Schneematsch verringerte die Sicht innerhalb kürzester Zeit auf Null. Schnell war das Scheibenwischwasser leer und ich hielt an einer Tankstelle, um es aufzufüllen. Allerdings gab es dort kein Wasser. Ich kaufte deshalb zwei Flaschen stilles Mineralwasser und füllte damit die Wischanlage auf.


Die Kirchenburgen in Cristian (Neustadt) und Ghimbav (Weidenbach)

Gegen 12.00 Uhr mittags hatte ich Siebenbürgen hinter mir gelassen, trat in die Walachei ein und erreichte Tirgoviste. Ich muss zugeben, dass mich die Stadt alles andere als begeisterte; Irgendwie war alles grau und es gab viel Industrie (wohl vergleichbar mit Hunedoara, wo sich das imposante "Castelul Corvinestilor" befindet, das durch die Sendung "48 Stunden Angst" als "Burg Corvin" bekannt wurde). Es gab in Tirgoviste zwar auch schmuckvolle Gebäude, aber in meinen Augen überwog das Triste. Vielleicht lag es zum Teil aber auch am trüben Wetter.
Ich machte mich auf die Suche nach dem Abendturm und den Ruinen des Fürstenhofes und wurde schnell fündig. Im Abendturm, bzw. Chindia Turm / Turnul Chindiei (ein Bauwerk aus der Herrscherzeit Vlads) hingen mehrere Zeichnungen sowie Kopien von handschriftlichen Dokumenten aus der Zeit von Vlad Draculea, im Volk genannt "Vlad Tepes" (vom rum. "teapa" = "Pfahl", da Vlad Verbrecher und Feinde auf Pfählen aufspeßte).


Der Chindia-Turm


Bilder der Ausstellung

Nach einigen Fotos des Klosters, der Ruine und des Turmes suchte ich jene Stelle, von welcher aus Simon Marsden einst das Coverfoto für sein Buch "Geistersuche" machte. Ich fand sie hinter dem Kloster und schoss von dort ebenfalls ein paar Bilder. Als ich später mit dem Auto in einer Seitenstraße wenden wollte, entdeckte ich noch eine (wenn auch nicht sonderlich gelungene) Statue von Vlad und fuhr schließlich weiter in Richtung Bukarest bis Snagov.


Der Fürstenhof in Tirgoviste






Das dortige Kloster auf einer Insel im Snagov-See hatte ich bereits 1995 besichtigt; damals ruderten wir von der anderen Seite des Sees bis zur Insel hinüber. Diesmal war das Wasser dick zugefroren. Wie praktisch, so musste ich mir wenigstens kein Boot suchen.
Ich fuhr um den doch recht großen See herum, fand aber einfach das Kloster nicht, da immer wieder Bäume und Landzungen die Sicht versperrten. In Snagov fragte ich immer wieder nach dem richtigen Weg, was sich jedoch als recht schwierig erwies, da keiner dort Deutsch oder Englisch sprach - und ich kein Rumänisch. Zwar wussten alle bei den Worten "Vlad Tepes" (wird "Tzepesch" ausgesprochen), wo ich hin wollte - nur verstand ich die Antworten nicht. Mit groben Anhaltspunkten lief ich über den zugefrorenen See und wurde schließlich fündig. Allerdings war das Kloster, in dem sich die angebliche Grabstätte des echten Draculas befindet, verschlossen und die heute auf der Insel lebende Familie ließ sich leider nicht dazu bewegen, mir Einlass zu gewähren. Die Begründung war, dass sonntags nach 15.00 Uhr niemand das Kloster betreten dürfe. Warum auch immer, aber ich musste dies wohl oder übel akzeptieren. Diese Antwort wurde mir übrigens von rumänischen Jugendlichen ins Englische übersetzt, die sich mittlerweile ebenfalls auf der Klosterinsel eingefunden hatten.


Kloster Snagov



Wieder am Auto angekommen, wo sich inzwischen auch ein paar junge Erwachsene zusammengefunden hatten, fragten sie mich erst nach etwas zu essen und schließlich nach Zigaretten. Kein Problem. Ihrer sehr nachdrücklichen "Bitte" nach Geld wollte ich jedoch nicht nachkommen, woraufhin sie ziemlich zudringlich wurden. Ich fühlte mich verständlicherweise nicht gerade wohl in dieser Situation und es war der einzige Moment während der gesamten Reise, in der ich es bereute, alleine nach Rumänien gefahren zu sein. Mein Auto hatte ich zu meinem Glück bereits aufgeschlossen und so stieg ich schnellstmöglich ein, verschloss die Tür und fuhr weg. Leider nicht gerade ein krönender Abschluss für diese ansonsten wirklich einmalige, schöne und eindrucksvolle Reise.

Im Hotel "Star Gate" am Flughafen legte ich mich nach der Rückgabe des Mietwagens noch in die Badewanne, schrieb die letzten Zeilen in mein Reisetagebuch und schlief anschließend (wohl mehr aus Erschöpfung, als vor Müdigkeit) ziemlich früh ein. Das war aber auch gut so, denn immerhin musste ich für meinen Rückflug nach Deutschland am nächsten Morgen bereits um 6.00 Uhr am Flughafen sein...


 


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